Oma, eine verdeckte Ermittlerin?

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Uwe Wagschal @pixelio.de

Wie soll ich diese Geschichte beginnen? Mit der Explosion und den Pistolenschüssen? Oder soll ich lieber der Reihe nach erzählen? Ach, ich glaube, ich fange vorne an, dann versteht ihr besser, was geschehen ist.

Meine Freundin hat eine Oma, die irgendwie ein krasses Leben führt. Nicht, weil sie im Hühnerstall Motorrad fährt, wie das bekannte Lied es beschreibt, sondern weil sie sich einfach ungewohnter verhält als manch anderer Erwachsene. Ihre Werte sind andersartig – also die Dinge, die sie wichtig findet. Und was sie für wichtig hält, das tut sie eben.

Das sieht beispielsweise so aus: Einmal in der Woche fährt sie in die Stadt. Nein, nicht mit dem Auto, sondern mit dem Omnibus. Schon im Bus versucht sie, sich auf die anderen Fahrgäste zu konzentrieren. Vor kleineren Kindern z. B. steht sie auf, damit diese sich setzen können und sicher sind. Ihr Smartphone verstaut sie bei diesen Unternehmungen tief in ihrer Handtasche, um nicht durch eingehende Nachrichten von den Menschen abgelenkt zu werden. Sowieso hat sie sich das Handy vorwiegend zum Fotografieren angeschafft.
In der Innenstadt angekommen, schlendert sie herum und beobachtet die Leute. Wie schauen sie drein? Sind sie hektisch? Blicken sie frustriert? Und dann sucht sie nach einer Möglichkeit, ihnen eine Freundlichkeit zukommen zu lassen. Beim Einkaufen lässt sie an der Kasse eine Mama mit einem Kleinkind vor; sie setzt sich neben eine heruntergekommene Frau auf die Parkbank oder hilft einem Mann mit Rollator beim Einsteigen in den Bus.

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Lichtbild Austria _ pixelio.de

Manchmal geht sie in das Café des „Büchertempels“, wie wir Einheimischen unseren Buchshop nennen. Während sie ihren Cappuccino an der Theke bestellt, macht sie eine lustige Bemerkung zu der Bedienung. Diese schaut überrascht auf und lächelt. Oma nennt das „ein Licht sein“.
Dann sucht sie sich einen Platz und betrachtet die übrigen Gäste. Sie überlegt sich, was diese Leute vielleicht schon alles erlebt haben? Zum Beispiel der Mann, der zwei verschiedene Socken trägt. Ist er ein zerstreuter Professor? Immerhin liest er ein dickes Buch über Fremdsprachen … Während sie so bei ihrer Tasse Cappuccino träumt, entstehen Geschichtsfetzen, die sie später bei Erzählungen verwendet. Denn fantasieren kann sie gut. Meine Freundin nimmt mich manchmal mit zu ihr und dann lassen wir uns von ihr eine Story erzählen. Solche Nachmittage liebe ich besonders.

Diese Oma hat immer Zeit für uns. Wie sie das macht, weiß ich nicht. Doch wenn wir kommen, dann lässt sie alles stehen und liegen und ist für uns da. Einmal habe ich gehört, wie sie bei einer Nachbarin feststellte: „Ach, meine Arbeit bleibt mir treu. Die läuft nicht weg und die klaut auch keiner. Und die muss ich nicht gerade dann machen, wenn Klara kommt.“

Klara ist meine Freundin und die hat mir von der Explosion und den Schüssen, die ihre Oma neulich erlebt hat, erzählt:

Es war Montagmorgen.

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Der fast leere Kühlschrank bedeutete für Oma, dass es wieder Zeit für einen ausgiebigen Einkauf war. Deshalb holte sie ihren metallic-blauen VW-Käfer aus der Garage und fuhr zum Lebensmittelmarkt am Ortsrand.
Im Gegensatz zu den anderen Kunden sucht sie sich stets einen Stellplatz am äußersten Ende des Parkplatzes aus. Schließlich hatte ihr Arzt ihr nahegelegt, möglichst viel zu Fuß zu gehen. Inzwischen liebt sie es, eine Parkbucht zu belegen, die freie Sicht bietet und dazu fernab aller Hektik liegt.
Sie genießt es immer, ein paar Augenblicke sitzen zu bleiben, um auf das Feld gegenüber der Landstraße zu schauen: Die fortwährende Veränderung in der Natur zu betrachten tut ihr nämlich gut. Da es Herbst war, lag der Acker gut umgegraben vor ihr. Sie kramte nach ihrem Smartphone und fotografierte die Schar Raben, die eifrig in den Erdschollen herumpickten. Dann legte sie das Handy zur Seite.
An diesem Morgen blieb sie etwas länger im Wagen sitzen, da sie noch mit Gott reden wollte. Dazu hatte sie nämlich nach dem Aufstehen keine Ruhe gehabt. Aber jetzt holte sie das nach.
Während sie da saß, fuhr das gelbe Auto von Prosegur auf den Parkplatz direkt vor den Eingang des Supermarktes. Oma sah es lediglich mit dem Augenwinkel, beachtete aber den Geldtransporter nicht weiter. Sie hatte Besseres zu tun: Der Tag lag noch vor ihr und sie wollte mit Gott über ihn sprechen. In Gedanken ging sie durch, was zu erledigen war, und sie bat Gott, ihre Augen und ihr Herz für ihre Umwelt zu öffnen.
Sie seufzte tief auf und lächelte, weil sie jetzt gespannt war, was der Tag wohl so bringen mochte?

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Plötzlich beendete ein unglaublich lauter Knall ihre Gedanken.

Im Rückspiegel sah sie eine Rauchwolke. Dann fielen ein paar Schüsse. Instinktiv rutschte Oma tiefer in den Sitz und machte sich noch kleiner, als sie schon war. Was war hier los? Eine Sprengung? Sie hörte Schreie und schielte erneut in den Rückspiegel. Zwei vermummte Gestalten rannten direkt auf ihr Auto zu. Vor Schreck sank sie noch tiefer in den Sitz. Dabei dachte sie fieberhaft nach. Ihr Handy! Wo war ihr Handy? Um nicht von den Heranstürzenden entdeckt zu werden, riskierte sie keine Bewegung, sondern fühlte nur mit der Hand auf dem Beifahrersitz nach ihrem Smartphone. Da war es! Sie nahm es und öffnete die Kamera.
In diesem Moment liefen rechts und links von ihr die beiden Vermummten vorbei. Sie sprangen über die Bordsteinkante, die den Parkplatz von dem Randstreifen der Straße trennte und rannten zu einem grauen Volvo, der an der Landstraße parkte. Schnell öffneten sie den Kofferraum und warfen ein paar Säcke hinein. Kaum hatten sie die Klappe geschlossen, als der im Fahrzeug wartende Fahrer den Motor startete und mit dem Auto davonschoss. Die Verbrecher selbst liefen über die Straße, zogen dabei ihre Sturmmasken ab und

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sprangen in einen dunkeln BMW. Sie ließen den Motor aufheulen und rasten in die entgegengesetzte Richtung davon. Das alles hatte nur ein paar Sekunden gedauert. Aber Oma war auf Zack gewesen. Unbemerkt hatte sie die beiden Schurken gefilmt.
Als von ihnen nichts mehr zu sehen war, sank sie erschöpft in ihren Sitz zurück. Was für eine Aufregung! Sie zitterte am ganzen Körper und ihr war eiskalt. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen.
Aber da hörte sie schon ein Martinshorn. Eins? Nein, etliche Polizeiautos, Kranken- und Notarztwagen fuhren auf den Parkplatz. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie immer mehr Menschen zu dem demolierten Prosegur-Auto liefen. Bald konnte sie die Neugierigen kaum noch von den Helfenden unterscheiden. Was für ein Durcheinander! Ärgerliche Rufe hallten zu ihr herüber. Polizisten versuchten, Passanten vom Tatort wegzuschieben, um mit einem rot-weißen Band eine Zone abzusperren, die frei für die Rettungssanitäter war. Und über allem blinkten die Blaulichter und verliehen dem Geschehen einen nervösen Touch.

Noch immer saß Oma in ihrem Käfer. Keiner wusste, was sie gefilmt hatte. Ja keiner hatte überhaupt eine Ahnung, dass jemand in dem blauen VW saß.
Sie entschied sich, erst einmal abzuwarten. Anscheinend waren die Polizisten sowieso damit beschäftigt, zunächst den Tatort zu sichern.
Oma schloss die Augen. Plötzlich wurde sie unendlich müde. Das Zittern ließ nach, dafür machte sich in ihrem Kopf eine seltsame Leere breit. Und unversehens war sie eingeschlafen.

Wie lange sie geschlafen hatte,

wusste sie nicht. Sie wurde wach, weil jemand energisch gegen die Scheibe klopfte. Erschrocken fuhr sie hoch und stieß sich prombt den Kopf. Wo war sie eigentlich? Ach ja, der Überfall … Nun war sie wieder klar. Sie musste den Film der Polizei übergeben!
Sie schaute durch das Fenster. Vor ihr standen ein Mann und eine Frau und bedeuteten ihr, dass sie gerne mit ihr reden würden.
Wer war das? Was wollten sie von ihr? Oma blickte verunsichert in den Rückspiegel. Erleichtert sah sie, dass die Polizei noch da war. Dann konnte ihr ja nicht viel passieren. Sie öffnete die Autotür und stieg mit wackeligen Beinen aus.
Die Frau zückte einen Ausweis: „Ich bin Kriminalinspektorin Meissner, und das ist mein Kollege Herr Turau.“ Der Beamte zeigte ebenfalls seine Karte. „Haben Sie irgendetwas von dem Überfall beobachten können?“
„O ja, das habe ich. Einen Augenblick.“ Oma beugte sich in ihr Auto und suchte ihr Smartphone. Wo war es nur geblieben? Sie fand es auf dem Boden, fischte es mühsam hervor und öffnete die Fotogalerie. Dann gab sie es den Polizisten. Die beiden schauten sich den kurzen Film an.
„Das ist recht gut! Die Nummernschilder sind nicht einwandfrei zu erkennen, dafür aber die Männer ohne Sturmhaube.“
„Ja, ist es mir gelungen?“
„Haben Sie sich das Video noch nicht angeschaut?“
„Nein, ich war eingeschlafen …“
Die Beamten schauten sich verunsichert an. „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“
Oma wurde rot. Das war jetzt wirklich peinlich. „Nein, ich war so geschockt und deshalb erschöpft, da bin ich tatsächlich eingenickt. Sie haben mich erst geweckt.“
„Der Schlaf des Gerechten“, witzelte Herr Turau. Seine Kollegin schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. „Ist auch egal. Die Aufnahme ist jedenfalls gut. Können Sie sie mir bitte schicken?“
Das überließ Oma dann allerdings der Beamtin selbst. Diese sandte den Film an ihr eigenes Phone.
Da fiel Oma noch etwas ein. „Warten Sie mal, vielleicht habe ich doch die Nummernschilder genauer aufgenommen.“

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Sie wischte durch die Fotogalerie und klickte das Acker-Foto mit den Raben an. Tatsächlich, da waren die parkenden Autos gut zu sehen. Sie wandte sich an die Beamtin: „Ist das brauchbar?“
Diese betrachtete die Aufnahme. „Das ist sogar ausgezeichnet! Das schicke ich mir auch!“
Kurz danach verabschiedeten sich die Beamten von Oma: „Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen!“

Oma selbst setzte sich noch einmal in ihr Auto, um zur Ruhe zu kommen. Ihr Blick fiel in den Rückspiegel. Hoffentlich ging es den Leuten vom Geldtransporter nicht allzu schlecht …

Schon am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass der Überfall auf den Transporter aufgeklärt war. Drei Männer waren in Untersuchungshaft gekommen und hatten bereits die Tat gestanden.

Ich glaube, das Leben einer Oma kann richtig krass sein. Obwohl Klaras Oma meint, dass sie solche Erlebnisse nicht öfter braucht. Ruhige Fahrwasser seien ihr lieber.

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Uwe Wagschal @pixelio.de

Der Sturz

Kinzig

Hilfe!

Lisa merkte, wie sie keinen Halt mehr unter den Füßen hatte. Sie rutschte über den feuchten Untergrund direkt auf den tosenden Fluss zu.
Hätte sie doch auf die anderen gehört!
Sie versuchte, nach den Zweigen einer Trauerweide zu greifen, allerdings hingen die zu hoch. Stattdessen verlor sie das Gleichgewicht vollends und landete auf ihrem Po. ‚Jetzt verschlammt auch noch die neue Hose!‘ Nur: was machte das noch, wenn sie sowieso ertrank? Bei dieser Strömung konnte sie nie und nimmer schwimmen.
Lisa schrie, was das Zeug hielt: „Hilfeee!“
Kam denn niemand, um sie festzuhalten? Aber sollten ihre Freunde das wagen, würden sie mit ihr zusammen in der Kinzig untergehen.
„Hilfeee!“ Verzweifelt spürte Lisa, wie ihre Beine in das Wasser glitten … „Hilfeee!“

Herbstferien

Eigentlich sollten es unbekümmerte und fröhliche Herbsttage werden. Frau Schott hatte für jeden ihrer vier Kinder eine neue, kuschelige Fliesjacke gekauft: Paul, der Viertklässler, hatte auf einer türkisblauen bestanden, während die 8-jährige Lisa die graupinke bevorzugte. Den jüngeren Zwillingen war die Farbe egal. Hauptsache, sie durften die Playmobil-Feuerwehr mit in die Ferien nehmen.

Lisa suchte auf ihrem Bett alles zusammen, was sie in den Koffer packen wollte. Bei der neuen Hose zögerte sie: Ihre Mutter hatte extra erwähnt, dass sie die für die Schule aufheben sollte. Aber die Jeans war einfach zu toll mit ihren abgesetzten pinkfarbenen Nähten und Strasssteinchen an den Taschen. Lisa schaute vorsichtshalber zur Tür, ob ihre Mama nicht gerade vorbeikam. Nein, sie hörte sie noch im Nebenzimmer. Beruhigt verbarg sie die Jeans unter dem Jogginganzug.
Kaum hatte sie ihre Hose versteckt, als ihre Mama ins Zimmer kam und kurz Lisas Wäschestapel kontrollierte. Natürlich fischte sie sofort die fabrikneue Jeans heraus: „Ich hatte dir gesagt, dass du die nicht einpacken sollst!“
Sie nahm sie und verstaute sie im Kleiderschrank. Danach eilte sie zu Pauls Koffer im gegenüberliegenden Raum.
Lisa starrte vor sich hin. Sie wollte die Hose auf jeden Fall mitnehmen und ihrer Cousine zeigen! Immer musste Mama ihr den Spaß verderben. Was war denn dabei, wenn die Hose beim Spielen etwas dreckig wurde? Sie hatten doch eine Waschmaschine! Schließlich lebten sie nicht in der Steinzeit. Und im Übrigen konnte Lisa sehr gut aufpassen, dass die Jeans kein Loch bekam. Aus dem Alter, in dem man mit Flicken auf den Knien herumlief, war sie längst heraus. Ihre Mutter musste sie nicht wie Tim und Malte behandeln!
Sie öffnete den Koffer, holte die Hose wieder aus dem Schrank und legte sie zu unterst in den Trolley. Darauf stapelte sie den Schlafanzug, die Pullover und den Jogginganzug. Nun noch die Waschsachen, ein paar Bücher und vor allem ihren CD-Spieler mit den spannenden Schlunzgeschichten. Sie gab dem Deckel einen entschlossenen Klaps, sodass er mit einem kräftigen „Klack“ zufiel: Es war, als ob sie damit jeden Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung zum Schweigen bringen wollte – was allerdings nicht ganz funktionierte. Ihr schlechtes Gewissen nagte an ihr wie ein Hase an der Möhre. Vielleicht sollte sie die Hose doch auspacken?
Da kam ihr Papa ins Zimmer. „Bist du fertig? Dann trage ich deinen Koffer schon mal zum Auto!“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er ihn hoch und war blitzschnell mit ihm verschwunden.

Bald saßen sie alle in ihrem VW-Bus und fuhren Richtung Hanau. Jedes Jahr verbrachten sie ihre Herbstferien gemeinsam mit der Familie von Mutters Schwester: immer abwechselnd einmal bei den einen, dann bei den anderen.
Besonders Paul und Lisa freuten sich, endlich wieder mit ihrem Cousin und ihrer Cousine zusammen sein zu können. Jonas und Sara waren tolle Kumpel. Was machte das für einen Spaß, wenn sie gemeinsam an der Kinzig spielten, Staudämme bauten oder Schiffe segeln ließen!

Kaum bogen sie in die Reichenberger Straße ein, als sie schon mit einem lauten „Hallo!“ begrüßt wurden. Nicht nur ihre Cousins standen strahlend an der Einfahrt, sondern auch Ünal und Elif, die Nachbarskinder.
Lisa war begeistert. Jetzt ging es richtig los! Vor Aufregung boxte sie ihrem Bruder in die Rippen. Der zuckte zusammen und schrie: „Au! Bist du verrückt?“
Ihr Papa stöhnte: „So lasst uns doch erst einmal ankommen, bevor ihr euch in die Schlacht stürzt! Ich muss in Ruhe einparken, sonst schramme ich am Zaun vorbei.“
Während er zurücksetzte, konnte Paul es jedoch nicht lassen und zwickte seine Schwester in den Arm. Die kreischte auf, weshalb ihr Papa fürchterlich erschrak.

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Er riss das Steuer herum. Augenblicklich hörten sie ein hässliches „Krrrrz“ und ließ sie erstarren. Der Vater trat auf die Bremse, das Auto stand und alle schauten sich entsetzt an: „Seid ihr denn noch ganz gescheit, mich so zu erschrecken“, polterte ihr Vater los. Er saß ein paar Sekunden da, während keiner sich zu rühren wagte. Dann sagte er mit einer unheimlich ruhigen Stimme: „Wer von euch meint, immer das machen zu können, was er will, statt uns zu gehorchen, der bekommt nach den Ferien zu Hause eine deftige Strafe! Habt ihr das verstanden?“ Die Kinder nickten. Danach rangierte er den VW ordentlich in die Parklücke.

Nachdem ihr Ferienanfang auf diese Weise etwas verunglückt war, stiegen sie aus. Die wartenden Kids wollten sie bereits zum Spielen fortziehen.
Vorsichtshalber fragte Paul seine Eltern: „Dürfen wir mitgehen, oder sollen wir erst die Koffer auspacken?“
„Ihr beiden Großen könnt spielen gehen, dann steht ihr uns wenigstens nicht im Weg! Aber seid vorsichtig am Fluss, dass ihr da nicht hineinfallt!“
„Ach Mama, das sagst du uns jedes Jahr. Wir passen schon auf!“

Stürmische Nacht

Als die Kinder abends ins Bett gingen, blieben sie noch lange wach. Da sie zu viert in einem Zimmer schliefen, nahm das Erzählen, Lachen und Toben kaum ein Ende. Doch als Pauls und Lisas Papa wie ein General mit ernster Miene in der Tür erschien, da rissen sie sich zusammen. Eine „deftige Strafe“ nach den Ferien wollten sie nicht riskieren.
Es dauerte nicht mehr lange, da fielen ihnen die Augen zu.
Paul träumte, dass er Vaters VW-Bus gegen einen Baum fuhr. Lisa dagegen quälte ein Albtraum wegen ihrer Jeans, die sie heimlich mitgenommen hatte: Dauernd zog sie die schöne Hose an und wurde prompt von ihrer Mutter erwischt.

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Foto von Kat Jayne von Pexels

In ihrem tiefen Schlaf merkten die Kinder gar nicht, wie draußen der Wind auffrischte, um immer böiger zu wehen. Um Mitternacht herum entwickelte er sich zu einem Orkan, der manche Äste von den Bäumen abbrach. Der Herbst hielt Einzug und wollte allem Anschein nach erst einmal ordentlich aufräumen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde von den Bäumen, Sträuchern und Dächern gerissen.
Anschließend setzte der Regen ein. Es goss wie aus Kübeln. Kein Tier wagte sich in dieser Nacht aus seiner Behausung: Die Eule schwieg, der Rotfuchs zog sich vom Eingang seines Baus zurück und der Igel wünschte sich, er hätte schon sein Winterquartier bezogen. Der Waldboden weichte auf und das Ufer der Kinzig verwandelte sich in einen riesigen Lehmstreifen.

Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei. Als die Kinder aufwachten, strahlte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel herab. Nur die Pfützen spiegelten die blaue Farbe und verrieten etwas von dem Unwetter – ebenso wie zahllose Zweige, Blätter und Kastanien, die sich in der Einfahrt angesammelt hatten.

Beim Frühstück wurde viel gelacht und die ersten Pläne für den Tag entwickelt. Mit vollem Mund gab Paul bekannt: „Wir wollen Fußball spielen!“
Die Erwachsenen fanden das gut: „Aber vorher befreit ihr die Auffahrt von dem bunten Blätter-Teppich, der sich in dieser Nacht gebildet hat!“
„O. K., wenn es sein muss!“, gab sich Jonas geschlagen.
„Allerdings muss das sein. Wir Erwachsenen müssen noch einiges einkaufen, sonst gibt es am Mittag nichts zu essen! Und die Zwillinge nehmen wir mit.“
„Das ist doch ein anständiger Deal!“, ließ sich Jonas Schwester Sara hören, „wenn wir dann was Ordentliches zu futtern bekommen, soll es uns recht sein.“
Nun mischte sich auch Lisas Mama ein: „Aber ihr geht nicht an die Kinzig! Sie hat heute eine gefährliche Strömung!“
„Außerdem“, so fiel ihr Mann ihr ins Wort, „außerdem ist das Ufer völlig aufgeweicht und glitschig wie Schmierseife. Da könnt ihr schnell abrutschen und in den Fluten verschwinden.“
Lisa verdrehte die Augen. Schon wieder wurden sie wie kleine Kinder behandelt. Doch ihr Vater blickte sie streng an: „Meine liebe Tochter, ich möchte wirklich nicht, dass dir etwas passiert! Bleib vom Ufer weg!“
Das Mädchen hob besänftigend die Hände: „Ist ja O. K., ich hab’s verstanden!“

Der erste Vormittag

Bald darauf fand man die vier Cousins und Cousinen mit Besen und Rechen bewaffnet auf dem Bürgersteig. Nachdem auch Elif und Ünal zu ihnen stießen, wurde die Säuberungsaktion zu einem Wettspiel Jungen gegen Mädchen umgewandelt.
„Ihr Jungen müsst den rechten Streifen vom Laub befreien, wir den linken!“, ordnete Sara an. „Wer zuerst fertig ist, hat gewonnen!“
Auf „los“ ging‘s los. Allerdings flogen immer wieder Blätter in das gegnerische Feld, weshalb sie nach einer Viertelstunde lachend aufgaben.
„So hat das keinen Sinn. Da sind wir ja übermorgen noch beschäftigt!“
„Ich würde sagen, wir haben alle gewonnen!“
Da stimmten sie überein, fegten die letzten Sturmfolgen zur Seite und füllten sie in den Biosack.
„Und was machen wir jetzt?“

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„Na, Fußball spielen!“, riefen die Jungen wie aus einem Mund.
„Ist doch langweilig!“, meinte Elif. Aber da die anderen sie überstimmten, lief sie mit ihnen zum Schulhof, der sich wunderbar für ein Spiel eignete.

Irgendwann knurrte ihnen der Magen, weshalb der Spieleifer merklich nachließ. Deshalb zogen sie gemeinsam wieder nach Hause und suchten in der Küche nach etwas Essbarem.
„Habt ihr keine Duplos oder so was Ähnliches?“, fragte Paul seinen Cousin. Der zuckte mit den Schultern und zeigte auf die leere Schublade: „Ist nichts da. Wahrscheinlich sorgen meine Eltern gerade für Nachschub!“ Also begnügte sich jeder mit einem Apfel. Das folgende Schweigen bewies, dass er ihnen gut schmeckte.

Lisa gab den beiden anderen Mädchen ein Zeichen, dass sie mit ihr kommen sollten. So verschwanden sie in ihrem Zimmer. Lisa öffnete ihren Koffer und holte ihre neue Jeans heraus: „Na, wie findet ihr die?“
„Wow!“, staunte Elif, „so eine möchte ich schon lange haben!“
„Hast du die neu?“, fragte Sara.
„Ja, eigentlich ist sie für die Schule, trotzdem wollte ich sie euch zeigen.“
Elif drängte: „Zieh sie mal an.“
Lisa schaute unsicher: “Wenn meine Mama mich mit ihr sieht, gibt es Ärger.“
„Ach, die ist doch einkaufen!“
Lisa schielte zu Sara, die mit dem Kopf schüttelte. „Das würde ich nicht tun, wenn deine Mama das nicht gut findet.“
„Aber mal kurz anziehen ist ja wohl nicht schlimm, oder? Einmal ist kein Mal!“ Elif ließ nicht locker. Sie liebte Kleidung über alles und sah sich schon als berühmte Modeschöpferin.
Lisa hob erst unschlüssig ihre Schulter, dann jedoch entspannte sie sich. „Ich zieh sie schnell an, davon geht die Welt nicht unter!“
Fix wechselte sie ihre Hose und präsentierte sich ihren Freundinnen wie ein Model.
In dem Moment hörten sie die Haustür und Lisas Mutter rief: „Kinder, seid ihr da? Dann helft uns mal eben tragen!“
Entsetzt schauten sich die Mädchen an. „Nix wie weg hier!“, flüsterte Lisa, die auf keinen Fall in ihrer neuen Jeans erwischt werden wollte.
Sie öffneten die Zimmertür. Als sie sahen, dass die Mutter wieder draußen war, ergriffen sie ihre Jacken und sprangen zur Hintertür, um in den Garten zu laufen.
„Geschafft!“ Elif funkelte die anderen fröhlich an, aber Lisa war gar nicht glücklich. Ihr war zum Heulen zu Mute. Was hatte sie getan!

Von drinnen hörten sie nun die Stimmen von ihrem Vater: „ Wo sind denn die Mädchen?“ Keiner wusste es und die Jungen liefen nun auch in den Garten.

„Da steckt ihr ja!“, rief Ünal. „Was wollen wir jetzt machen?“

Das Unglück nimmt seinen Lauf

„Lasst uns doch mal schauen, wie hoch die Kinzig nach dem Regen von letzter Nacht ist!“
„Ja, kommt, wir gehen auf die Brücke, da kann uns nichts passieren.“ Jonas führte die anderen zum Gartentörchen und alle schlüpften hindurch. Im Gänsemarsch passierten sie den schmalen Weg durch die Wiese, die an dem Fluss vorbeiführte.
„Puh, ich krieg ja völlig nasse Füße!“, beschwerte sich Elif. Lisa schaute an ihren Beinen herunter und erschrak: Die Hose färbte sich an den Waden tiefblau, so feucht war sie bereits. Aber das würde wieder trocknen. Sie musste halt achtgeben, dass sie nicht zu nah an den Uferstreifen kam, der so matschig war.
Bald standen sie auf dem Steg.
Kinzig„Wow, so hoch habe ich den Fluss ja noch nie gesehen!“, rief Sara verblüfft. Auch die anderen blickten erstaunt in die reißende, braune Flut.
„Die Kinzig tut, als wäre sie der breite Main. Wie wenn Malte denkt, er wäre schon ein Mann, so spielt sie sich auf!“, stellte Jonas fest.
Sie hoben Zweige auf und schmissen sie in den Fluss.
„Mensch, wie die mitgerissen werden!“
„Wie winzige Boote, die über ein wütendes Meer getrieben werden.“
„Lasst uns doch ein Bötchen bauen und dann sehen, wie es davonschwimmt.“, schlug Paul vor.
„Au ja, ich hole Bindfaden und ihr sammelt schon einmal Äste!“, begeisterte sich Jonas sofort. Gesagt, getan. Die Kinder suchten möglichst gerade Zweige und Baumrinde. Mit dem Zwirn banden sie diese fachmännisch zu einem Floß zusammen. Da so viel Reisig auf dem Boden lag, wurde das Gefährt recht groß.
„Ich glaube, das reicht“, erklärte Ünal. Die anderen nickten. Vorsichtig hoben sie das Floß über das Brückengeländer. Sie hielten es waagerecht über den Fluss. Dann zählten sie: „Eins, zwei, drei!“ Und bei „drei“ ließen sie es in die Kinzig fallen. Unter lautem Beifall platschte es auf die Wasseroberfläche, drehte sich einmal um die eigene Achse und schwamm ein paar Meter.
„Mist“, rief Lisa, „jetzt ist es hängengeblieben!“ Das Boot hing an einem Ast fest, der in den Fluss hinein ragte.
„Wir müssen es losmachen!“
„Bist du verrückt? So nahe kommen wir nicht an das Wasser ran, ohne in Gefahr zu geraten!“
„Aber mit einem Stock könnten wir es schaffen!“
„Lass das sein, Lisa!“, warnte ihr Bruder. Auch die anderen schüttelten den Kopf.
Trotz der Mahnung wollte Lisa ihr Floß retten und schwimmen sehen. Mit einem langen Ast war das bestimmt möglich!
Sie lief vom Steg auf die Wiese und fand schnell den richtigen Ast.
Die übrigen beobachteten von der Brücke aus, wie sie den Stab prüfte.
„Lisa, lass das sein. Das ist das Boot nicht wert“, versuchte Paul noch einmal, seine Schwester von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch die war für seine Warnungen nicht mehr erreichbar. Als ob sie dichtgemacht hatte oder einen Vorhang vorgezogen hatte, um alle Einsprüche draußen zu halten. Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, wollte sie auch umsetzen.
Vergessen war ihre neue Hose. Die Drohung von ihrem Papa, nicht den eigenen Kopf durchzusetzen, schob Lisa bewusst zur Seite. Sie wollte das Floß zum Schwimmen bringen.

Als sie an der Böschung stand, setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Immer näher kam sie dem Wasser. Nur noch ein Meter! Aber dann geschah es: Lisa merkte, wie sie keinen Halt mehr unter den Füßen hatte. Sie rutschte über den feuchten Untergrund direkt auf den tosenden Fluss zu.
Hätte sie doch auf die anderen gehört!
Sie versuchte, nach den Zweigen der Trauerweide zu greifen, allerdings hingen die zu hoch. Stattdessen verlor sie das Gleichgewicht vollends und landete auf ihrem Po. ‚Jetzt verschlammt auch noch die neue Hose!‘, schoss es ihr durch den Kopf. Nur was machte das noch, wenn sie sowieso ertrank? Bei dieser Strömung konnte sie nie und nimmer schwimmen.
Lisa schrie, was das Zeug hielt: „Hilfeee!“
Kam denn niemand, um sie festzuhalten? Aber sollten ihre Freunde das wagen, würden sie mit ihr zusammen in der Kinzig untergehen.
„Hilfeee!“ Verzweifelt spürte Lisa, wie ihre Beine in das Wasser glitten … „Hilfeee!“

Kann Lisa gerettet werden?

Während Lisa ungehindert in die Kinzig rutschte, hörte sie plötzlich, wie es neben ihr ordentlich platschte. Sie wendete ihren Kopf und sah, wie ihre Mutter in den Fluss gesprungen war und erst einmal untertauchte. Doch sobald sie wieder auftauchte, fasste sie das Mädchen und ergriff gleichzeitig einen Ast neben sich. Lisa krallte sich an ihrer Mama fest, sodass diese nun beide Hände nutzte, um sich so noch besser festzuhalten.
Da kam auch schon Papa mit einer langen Stange. Zuerst wurde Lisa aus dem Wasser gefischt, dann ihre Mutter. Als sie beide an Land waren, legte ihre Tante ihnen warme Decken um die Schultern.

Lisas Mama drückte ihre Tochter fest an sich. Auch das Mädchen klammerte sich an sie. Vor Kälte bekam sie bereits blaue Lippen, als ob sie Waldbeeren gegessen hätte. Aber sie musste ihr Herz erleichtern, bevor sie ins Haus gingen, um sich umzuziehen.
„Ich muss dir noch etwas sagen“, schluchzte sie, „ich habe, obwohl du es verboten hast, meine neue Jeans mitgenommen!“
„Ach, Kind, das ist doch jetzt nicht wichtig. Hauptsache, du bist gerettet!“
„Aber ich habe sie an und habe sie bestimmt ruiniert!“
„Mein Mädchen, glaubst du denn wirklich, dass ich nur darauf aus bin, dass du strikt gehorsam bist? Dass ich dir den Spaß verderben will? Ich bin nicht ans Wasser gesprungen, um mit dir zu schimpfen, sondern um dich zu retten!“

Paul rief verblüfft: „Das hat Jesus auch gesagt!“
„Wie bitte, das soll Jesus gesagt haben?“, staunte Jonas nicht schlecht.
„Ja, er hat einmal den Menschen gesagt, dass er nicht gekommen ist, um die Menschen zu richten, sondern um sie zu retten!“

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„Nun kommt erst mal ins Haus!“, befahl Vater, „sonst holt ihr euch noch den Tod!“
Die ganze Gesellschaft zog durch den Garten. Lisa wie ihre Mutter duschten warm und zogen ihre kuscheligen Jogginganzüge an. Anschließend tranken alle zusammen heiße Schokolade und aßen ein paar Kekse.

„Mama,“, wandte Lisa sich an ihre Mutter, die neben ihr saß und den Arm um sie gelegt hatte, „Wieso warst du im richtigen Moment bei mir?“
„Irgendwie hatte ich gefühlt, dass etwas bei euch nicht stimmte. Deshalb habe ich nachgeschaut, was ihr wohl macht. Und da sah ich, wie du die Böschung herunter rutschtest.“
„Und dann ist Mama einfach reingesprungen“, ergänzte Paul den Bericht. Das würde er nie vergessen, wie seine Mutter – ohne groß zu überlegen – hinter seiner Schwester hergesprungen war.
Laut sagte er grinsend: „Wieder: Wie Jesus!“
Jonas kapierte nicht, was er meinte: „Wieso: Wie Jesus? Ist Jesus auch ins Wasser gesprungen?“
Da mussten alle lachen. „Nein, aber Jesus hat genauso sein Leben nicht geschont, sondern hat uns gerettet, obwohl er selbst dabei starb!“
„Nur gut, dass Mama nicht gestorben ist!“
„Das hätte allerdings passieren können“, erwiderte Papa, und während er das sagte, wurde er ganz blass.
Doch Mama beendete das Gespräch und erklärte: „Ich lebe – und im Übrigen lebt Jesus ebenfalls. Schließlich ist er auferstanden!“

Zwei Diebe

1. Ein Eis wäre toll …

 

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Hans Montewski @ pixelio.de

Noch lag der Schulhof verlassen in der Sonne. Einige Spatzen pickten die Brotkrumen von dem Asphalt, als würden sie dafür bezahlt, dass sie die Fläche säuberten. Sie hüpften hierhin und flatterten dorthin: Wussten sie, dass in einer Minute die Schulglocke klingelte und das Ende des Vormittags einläutete? Dann war ihre leckere Krümel-Mittagsmahlzeit vorbei. Hunderte Sandalen würden über den Platz laufen und die wohlschmeckenden Brotreste zertrampeln.

»Ding, dang, dong.« Der Dreiklang des Gongs erklang und kurz darauf flog die Außentür auf. Ein paar Erstklässler sprangen die Stufen herab und rannten zum Ausgang des Schulhofes, als wären sie auf der Flucht. Ihnen folgten ältere Schüler. Zum Schluss öffnete sich noch einmal die Tür. Paul und Pitt machten einen großen Satz und landeten wohl behalten unten an der Treppe.

»Mein liebes Lottchen, ist das heute heiß!«, stöhnte Pitt.
Bevor Paul die Schultasche schulterte, stopfte er seine Jacke hinein und nickte: »Jetzt ein Eis! Das wäre richtig klasse!«
»Au ja, das würde ich bestimmt nicht verschmähen!« Pitt leckte sich die Lippen. »Komm, wir holen uns eins!« Auffordernd sah er seinen Schulkameraden an.
Erstaunt zog Paul die Augenbrauen in die Höhe: »Ich habe doch gar kein Geld dabei!«
»Ja und? Ich doch auch nicht!«
»Und wie willst du dir dann bitte ein Eis kaufen?«
»Bist du blöd? Wer redet denn hier vom Kaufen? Das können wir schließlich ganz anders besorgen.«
»Nee, nicht mit mir!« Abwehrend hob Paul die Hand und blickte seinen Klassenkameraden an.
»Ach, du bist und bleibst eine Memme! Das hat schon Simon letzte Woche gesagt!«
Als Pitt Simon erwähnte, erstarrte Paul. Sein Freund sollte das behauptet haben?

Pitt sah mit Schadenfreude, welchen Eindruck seine Lüge bei Paul hinterließ. Um ihn noch mehr anzustacheln, verstärkte er die Behauptung frech: »Klar, und das hat er nicht nur einmal mir gegenüber angedeutet. Erst gestern hat er gemeint, dass du ein furchtbarer Angsthase bist!«
Paul traute seinen Ohren kaum: Sein bester Freund hatte ihn einen Angsthasen genannt? Wieso redete der so schlecht über ihn? Und überhaupt: Er, Paul, war doch gar kein Angsthase! Er hatte genauso viel Mut wie jeder andere!

Pitt beobachtete Paul von der Seite, während sie die Straße hinuntergingen. Er sah, wie sein Kamerad die Stirn in Falten legte. Und er wusste, dass er nur noch ein bisschen nachlegen musste, um dessen Stolz völlig zu kränken. Dann würde selbst Paul, der stets so anständige Paul, seine eigene Ehre verteidigen … Pitt holte seinen letzten Trumpf aus den Tiefen seines gemeinen Charakters: »Ach, nicht nur Simon denkt das. Die ganze Klasse lacht schon über dich!«
»Aber weshalb denn?«
»Weil du immer so brav und damit stink-langweilig bist!«

Paul nagte an seiner Unterlippe, als könnte er so diese beschämende Behauptung entkräften. Er hatte gar keine Ahnung gehabt, dass die anderen so über ihn dachten. Das war ja echt peinlich!

»Um auf’s Eis zurückzukommen: Und, kommst du mit mir?«

Paul war völlig verwirrt. Was sollte er tun? Wenn er jetzt »Nein« sagte, würden Pitt und damit alle ihn erst recht für einen Waschlappen halten. Also fragte er: »Wo willst du das Eis überhaupt herkriegen?«
»Na, da vorne bei dem Türken! Der kann von seiner Kasse aus die Tiefkühltruhe kaum sehen. Und sobald der mit anderen Kunden beschäftigt ist, merkt der nicht einmal, dass wir wieder rausspazieren.«
»Das klingt, als ob du das bereits öfter gemacht hast!«
»Was denkst du denn? Ich hole mir jeden Mittag mein Eis dort. Die sind echt zu blöd, um mich zu erwischen!«
Nun kamen erneut Pauls Gewissensbisse hoch – so, wie Luftblasen zur Wasseroberfläche steigen: »Aber dann fehlt denen doch hinterher das Geld.«
»Meine Güte noch mal, Paul. Meinst du, die können wirklich rechnen? Das sind schließlich bloß Türken! Die sollen froh sein, dass sie bei uns leben dürfen! Bist du nun ein richtiger Kerl oder willst du lieber zu deiner Mama und dich bei ihr ausheulen?«

Paul kämpfte mit sich. Es merkte ja keiner, oder? Und die zwei Euro fielen ja auch kaum ins Gewicht, oder? Viel mehr würde seine Zukunft sehr unangenehm werden, wenn Pitt in der Schule von seinen Skrupeln erzählte.

»O. K., ich komm mit. Aber nur das eine Mal, ist das klar?!«

2. Nur das eine Mal

Pitt grinste. ›Nur das eine Mal!‹ Er wusste, dass es nicht bei dem einen Mal bleiben würde. Sobald Paul mitging, hatte er ihn in der Tasche. Und morgen konnte er ihn unter Druck setzen, indem er ihm androhte, den Diebstahl zu verraten … Und ab sofort würde Paul wie ein Sklave alles tun, was er, Pitt, von ihm verlangte – nur damit keiner erfuhr, dass er ein waschechter Dieb war.

Die beiden betraten scheinbar arglos wie ein kleines Kind den Laden. Herr Ulusoy, der Besitzer, wog gerade einen Beutel Kartoffeln für eine Kundin ab. Sonst war es leer in dem Geschäft. Pitt schlenderte zur Tiefkühltruhe, schaute sich um und öffnete sie. Zielsicher fischte er zwei Magnums heraus und drückte sie Paul in die Hand. Er nickte ihm zu und deutete mit seinen Augen zum Ausgang. Während er selbst in die Nähe von Herrn Ulusoy ging, um ihn mit einer Frage über Äpfel abzulenken, verschwand Paul mit den Leckerbissen nach draußen. Obwohl die Verpackungen eiskalt waren, brannten sie in seinen Händen wie feurige Kohlen. Am liebsten hätte er sie sofort wieder zurückgebracht. Aber dann würde sich Pitt über ihn kaputt lachen …

Er lief um die nächste Ecke. Dort brauchte er nicht lange zu warten, bis sein Klassenkamerad kam: »Und? War es schwierig?«
»Nein«, erwiderte Paul kleinlaut.
»Ich sag’s doch: Die sind zu dumm für uns. Solche Dummheit schreit danach, dass sie ausgenutzt wird.«

Sie setzten sich auf eine Gartenmauer, packten das Eis aus und schleckten es. »Mmh, super!« Pitt war zufrieden. Er hatte ein Eis, einen Mittäter und damit jemanden, den er in Zukunft herumdirigieren konnte. Perfekt!

Schleckermäulchen beim Eis schlecken
Thommy Weiss @ pixelio.de

Paul dagegen wusste, dass er nie mehr solch ein leckeres Mandeleis genießen konnte, ohne an den heutigen Diebstahl erinnert zu werden. Diese Tat klebte an jedem Eis, das er in Zukunft essen würde. Da war eine Verbindung geschaffen, die fester hielt als jegliches Uhu!
Es war wirklich schlimm: Gerade hatte er seine Unbescholtenheit verloren. Und erst jetzt wurde ihm klar, wie wertvoll diese Unschuld war. Was gäbe er her, um sie nochmals herzustellen! Er fühlte sich dreckig und beschmutzt, als hätte er in Matsche gebadet.
Er war ein Dieb! Ein infamer Dieb. Er war weder anständiger als jeder Gefängnisinsasse, noch war er besser als Pitt.

Kurze Zeit später trennten sich die beiden, um endlich nach Hause zu gehen.

3. Ein Dieb wird schnell auch zum Betrüger

Paul grübelte. Wie sollte er seiner Mutter unter die Augen treten? Klar, sie wusste nichts von seiner Gemeinheit. Sie dachte, er sei ein toller Kerl. Aber in Wirklichkeit – war er ein ausgebuffter Heuchler!

Daheim angekommen klingelte er. Als seine Mutter die Tür öffnete, drückte er sich an ihr vorbei. »He, Paul, was ist denn los? Die Sonne lacht und du siehst aus, als wenn dir der Tag verhagelt wäre. Ist etwas passiert?«
»Nein, alles ist O. K.!«
»Ach, Paul, mir kannst du nichts vormachen. Irgendetwas ist dir über die Leber gelaufen.«
»Mama, da ist nichts!«
»Aber du kommst heute später als sonst.«
Fieberhaft überlegte Paul, wie er das erklären sollte. Wie von selbst formte sich eine handfeste Lüge auf seinen Lippen: »Unser Lehrer musste uns noch etwas zeigen!«
»Na gut. Jedenfalls können wir jetzt essen.«
»Muss das sein? Ich habe gar keinen Hunger.« Paul konnte nach wie vor seiner Mutter nicht in die Augen schauen.
»Sag mal, wirst du krank? Normalerweise hast du einen Bärenhunger nach der Schule, vor allem, wenn du später kommst!«
»Nein, ich habe einfach keinen Appetit!«
»Hast du bereits etwas gegessen?«
»Nein, was soll ich denn gegessen haben?« Nun wurde Paul richtig aggressiv.
»O. K., dann wasch dir die Hände und setz dich trotzdem an den Tisch. Deine Schwester wartet schon auf uns.«

Wie geheißen, ging der Junge ins Badezimmer und drehte den Wasserhahn auf. Er hielt seine Hände unter den kühlen Strahl und sah erst jetzt, dass er am Zeigefinger etwas Schokolade hatte. Ach, wäre das schön, wenn er nicht nur seine Hände, sondern ebenso seine Seele wieder reinwaschen könnte! Mit einem Mal entrang sich ihm ein Schluchzer. Ärgerlich wischte er sich eine Träne weg. Er war wirklich eine Memme. Wie sollte aus ihm einmal ein richtiger Mann werden? Trotzdem liefen unaufhaltsam Tränen über sein Gesicht. Er konnte noch so viel wischen …

Plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa, seine Schwester schaute herein. »Warum heulst du denn?«
»Ich heule überhaupt nicht!«
»Natürlich heulst du!« Und schon drehte sie sich um und rief ins Esszimmer: »Mama, Paul heult wie ein Schlosshund!«
Das war zu viel. Er schubste sie raus und knallte die Tür hinter ihr zu. Dann schloss er ab.
»Paul?« Er hörte der Stimme seiner Mutter an, wie besorgt sie war. Allerdings machte ihn das nur noch wütender. »Lasst mich doch alle in Ruhe! Kann man denn nicht einmal im Badezimmer allein sein?«

Er hörte erleichtert, dass seine Mutter sich entfernte. Kurz darauf nahm er das Klappern von Geschirr wahr: Sie und Lisa aßen die Pfannkuchen …

Paul setzte sich auf den Badewannenrand. Er zwang sich, seine Lage so nüchtern wie möglich zu betrachten. Sonst würde er nie wieder klarkommen.

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S. Hofschlaeger @ pixelio.de

Er war ein elender Dieb. Das stand fest. Wie wollte er jetzt weitermachen? Damit keiner das bemerkte, musste er lügen, lügen und noch einmal lügen, so wie gerade bei seiner Mutter und bei Lisa:
›Alles war o.k.?‹ – das war eine bärenstarke Untertreibung gewesen.
›Der Lehrer hatte noch etwas zeigen müssen?‹ – die nächste Lüge … –
›Er hatte noch nichts gegessen?‹ ›Er heulte nicht?‹ – so offensichtlich kann man ja gar nicht die Wahrheit verdrehen! –
Falls er also den Diebstahl verheimlichen wollte, würde er nicht nur ein Krimineller sein, sondern gleichzeitig zum Betrüger werden …

Aber was blieb ihm anderes übrig?

Paul erinnerte sich an einen Satz, den sein Vater gestern noch gesagt hatte: Man hat stets die Wahl … Stimmte das? Hatte Paul die Wahl? Ja, wenn er den Diebstahl beichten würde …

4. Die Wahl

Was seine Familie wohl dann von ihm denken würde? Wahrscheinlich wäre er für immer unten durch. Aber: Er wäre wenigstens kein Lügner!

Paul kämpfte einen schweren Kampf mit sich. In der Zwischenzeit hatten seine Mutter und Schwester bereits aufgegessen. Lisa ging nach oben in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen, während Mutter die Spülmaschine einräumte. Plötzlich nahm sie hinter sich eine Bewegung wahr. Sie drehte sich um und sah Paul im Türrahmen stehen. Sein Gesicht war verquollen. Ihre erste Reaktion war, ihn in den Arm zu nehmen. Doch er wehrte sie ab: »Ich muss dir etwas sagen. Und wenn du das gehört hast, wirst du mich nie mehr in den Arm nehmen wollen«, schluchzte Paul.

»Dann verrate mir, was du auf dem Herzen hast.« Sie setzte sich auf den Küchenschemel und sah ihn an. Er senkte seinen Blick und langsam, ganz langsam, erzählte er, was er getan hatte.

Als er geendet hatte, war es absolut still in der Küche. Nur die Uhr tickte im gleichen Rhythmus wie seine Selbstanklage: »Du Dieb, du Dieb, du Dieb, …«
Vorsichtig schaute er zu seiner Mama, um zu sehen, ob sie ihn nun verachtete. Sie blickte ernst, aber unheimlich liebevoll zu ihm und fragte: »Darf ich dich jetzt umarmen?«

Ohne weiter zu überlegen warf er sich an die Brust seiner Mutter und weinte herzzerreißend. Sie strich ihm über das Haar und hielt ihn fest an sich gedrückt. Nach und nach beruhigte er sich. Er merkte, wie sein Herz wieder leichter wurde. Unsicher schaute er seiner Mama in die Augen: Sie war ihm nicht böse. Doch dann sagte sie: »Setzt dich her zu mir«, und schob ihm einen Stuhl hin. »Erst einmal: Das war sehr mutig, dass du das gebeichtet hast! Da habe ich richtig Hochachtung vor dir! Du bist ein echt tapferer Kerl! Trotzdem weißt du, dass du den Diebstahl in Ordnung bringen musst, nicht wahr?«

Paul nickte. Plötzlich kroch erneut die Schwere wie eine dicke hässliche Spinne in sein Herz zurück. Aber dieses Mal war es eher Angst vor Herrn Ulusoy und weniger die tiefe Verzweiflung, die er vorher gespürt hatte. Und die wollte er nie wieder in seinem Leben erfahren. Da würde er lieber dem Ladenbesitzer sein Stehlen gestehen, als das noch einmal durchzumachen!

5. Ein schwerer Weg

Kurz darauf sah man, wie Paul und seine Mutter das Haus verließen und zum »Türkischen Markt« wanderten. Zögernd öffnete Paul die Ladentür. Doch da seine Mutter hinter ihm stand, nahm er allen Mut zusammen und ging zu dem Gemüsestand, an dem Frau Ulusoy gerade die Möhren sortierte.

»Entschuldigung, Frau Ulusoy, ich muss Ihnen etwas sagen«, begann Paul. Er wusste gar nicht, wie er seine Tat gestehen sollte, und druckste ein bisschen herum.
»Was willst du mir denn sagen?«, fragte die Frau freundlich und schaute von ihm zu seiner Mutter und zurück.

»Ich … ich habe heute Mittag ein Eis bei Ihnen geklaut!« Nun war es heraus. Paul trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht recht, wo er hinblicken sollte. Doch endlich schaute er in die Augen von Frau Ulusoy und war bestürzt: Sie weinte still! Impulsiv ergriff er ihre Hand und sprudelte hervor: »Das tut mir so leid! Und ich möchte gerne alles wieder gutmachen!«

Langsam wischte sich die Ladenbesitzerin die Tränen fort. Dann wandte sie sich nach hinten und rief: »Cem! Komm doch mal bitte!« Durch einen Kordelvorhang erschien Herr Ulusoy und schaute seine Frau fragend an. Die drehte sich wieder zu Paul und forderte ihn auf: »Erzähl das noch einmal!«

Paul erklärte erneut, was er getan hatte, auch das ihm das Ganze furchtbar leidtat. Anschließend nahm er das Geld, das er mitgenommen hatte, und gab es Herrn Ulusoy, um abschließend seine Schuld zu begleichen.

»Weißt du, Paul«, sagte dieser und schaute von den Münzen zu dem Jungen hin: »Jetzt bist du kein Dieb mehr! Du hast bezahlt!« Ein Lächeln spielte um seinen Mund. Und Paul fiel ein Stein vom Herzen: Endlich war alles wieder gut.

Herr und Frau Ulusoy luden Paul und seine Mutter noch nach hinten in den privaten Raum ein, um ein Glas Apfeltee miteinander zu trinken. Der Junge wäre zwar lieber nach Hause gelaufen, doch folgte er willig den Erwachsenen durch den Vorhang. Und nun erzählte Frau Ulusoy, dass sie sehr oft bestohlen würden. Eigentlich brauchten sie das Geld dringend, nur wollten sie keinen Ärger mit deutschen Eltern bekommen. Natürlich merkten sie, dass nach Schulende manche Kinder etwas stahlen. Aber sollten sie die der Polizei melden? Und würde dann ihr eigener Sohn nicht in der Schule von den anderen Schülern gemobbt werden?

Sie freuten sich aufrichtig, dass Paul so ehrlich und mutig gewesen war, seinen Diebstahl wieder in Ordnung zu bringen.
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Herzlich verabschiedeten sich Paul und seine Mutter und traten den Heimweg an. Jetzt sah der Junge plötzlich, wie herrlich die Sonne schien und wie wunderbar blau der Himmel leuchtete.

6. Pitt versucht es nochmal

Am nächsten Morgen machte sich Pitt voller Schadenfreude auf den Weg zur Schule. Heute würde er Paul wieder mitnehmen, um sich ein Eis zu besorgen. Nein, noch besser: Er würde ihn zwingen, selbst zwei Magnums aus der Tiefkühltruhe zu klauen! Und wenn Paul erwischt wurde, würde er, Pitt, sagen, dass das nur Pauls Idee war … Und das war erst nur der Anfang. Ab sofort würde die Memme alles tun, was er von ihm verlangte …

Da kam er ja schon mit seinem Freund Simon an. Na warte, gleich wirst du dich um mich kümmern und nicht mehr um andere!

Eins allerdings kam Pitt seltsam vor: Er hätte kaum geahnt, dass Paul so fröhlich sein würde. Eigentlich hatte er erwartet, dass sein Klassenkamerad vor schlechtem Gewissen nicht den Blick heben konnte und wie ein flügellahmer Vogel herumschleichen würde. So wie gestern. Aber Paul war wie sonst, ja, sogar noch ausgeglichener. Seltsam!

Als die große Pause kam, sprach er Paul an: »Und? Gehen wir heute nochmal zum Türken?«
Paul schaute ihn an: »Klar, lass uns in den »Türkischen Markt« gehen! Ich habe Geld dabei und wir können ein Eis kaufen!«
»Wieso kaufen? Es reicht, wenn du etwas mitgehen lässt.«
»Das tue ich nie wieder!«
»Das wirst du tun müssen, da ich sonst allen erzähle, dass du ein Dieb bist!«
»Ich bin ja gar kein Dieb!«
»Natürlich bist du einer! Gestern noch hast du ein Eis geklaut!«
»Habe ich nicht!«
»Hast du doch – und ich bin Zeuge!«
»Aber du hast nicht mitgekriegt, dass ich es nachmittags bezahlt habe!«

Verblüfft starrte Pitt sein Gegenüber an: »Du hast was?«
»Ich war bei den Ulusoys und habe nachträglich das Eis bezahlt und mich entschuldigt. Und weißt du was: Sie wissen, dass sie immer wieder bestohlen werden. Sie sind gar nicht so dumm, wie du denkst. Nur liefern sie dich nicht der Polizei aus!«

Pitt wich einen Schritt zurück. Er merkte, dass er keine Gewalt mehr über Paul hatte. Und wie zur Bestätigung beendete Paul das Gespräch, indem er sagte: »Übrigens habe ich Simon gefragt. Er hat nie gesagt, dass ich ein Angsthase bin. Da hast du wohl tüchtig gelogen!«

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Robert Eichinger@ pixelio.de

Paul drehte sich um und ging den anderen Kindern nach, die bereits auf dem Pausenhof spielten. Er hatte die Verbindung zu Pitt getrennt, wie man eine Telefonverbindung trennt. Pitt konnte ihm nichts mehr anhaben. Er, Paul, hatte verstanden: Man hat immer die Wahl – und er hatte die Freiheit gewählt.

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»Gott hat einen hohen Preis für euch und eure Freiheit bezahlt, deshalb werdet nicht Sklaven von Menschen.« (Nach 1. Korinther 7,23)

 

Liebe Eltern und alle, die sich um Kinder kümmern,

Abenteuer machen das Leben spannend. Lesen erweitert den Horizont. Ich selber habe so manche Lebenserfahrung nicht selbst gemacht, sondern durch das Lesen indirekt erlebt. Und so habe ich wichtige Erkenntnisse gewonnen, die mich innerlich reich gemacht und weitergebracht haben.

Ich wünsche mir sehr, dass meine Geschichten unsere Kinder fördern: Mögen sie durch sie stark werden. Und mögen sie durch sie vielleicht auch ein wenig den kennenlernen, der sie geschaffen und gewollt hat: Gott.

Liebe Grüße,

Eleonore Schmitt