Zwei Diebe

1. Ein Eis wäre toll …

 

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Hans Montewski @ pixelio.de

Noch lag der Schulhof verlassen in der Sonne. Einige Spatzen pickten die Brotkrumen von dem Asphalt, als würden sie dafür bezahlt, dass sie die Fläche säuberten. Sie hüpften hierhin und flatterten dorthin: Wussten sie, dass in einer Minute die Schulglocke klingelte und das Ende des Vormittags einläutete? Dann war ihre leckere Krümel-Mittagsmahlzeit vorbei. Hunderte Sandalen würden über den Platz laufen und die wohlschmeckenden Brotreste zertrampeln.

»Ding, dang, dong.« Der Dreiklang des Gongs erklang und kurz darauf flog die Außentür auf. Ein paar Erstklässler sprangen die Stufen herab und rannten zum Ausgang des Schulhofes, als wären sie auf der Flucht. Ihnen folgten ältere Schüler. Zum Schluss öffnete sich noch einmal die Tür. Paul und Pitt machten einen großen Satz und landeten wohl behalten unten an der Treppe.

»Mein liebes Lottchen, ist das heute heiß!«, stöhnte Pitt.
Bevor Paul die Schultasche schulterte, stopfte er seine Jacke hinein und nickte: »Jetzt ein Eis! Das wäre richtig klasse!«
»Au ja, das würde ich bestimmt nicht verschmähen!« Pitt leckte sich die Lippen. »Komm, wir holen uns eins!« Auffordernd sah er seinen Schulkameraden an.
Erstaunt zog Paul die Augenbrauen in die Höhe: »Ich habe doch gar kein Geld dabei!«
»Ja und? Ich doch auch nicht!«
»Und wie willst du dir dann bitte ein Eis kaufen?«
»Bist du blöd? Wer redet denn hier vom Kaufen? Das können wir schließlich ganz anders besorgen.«
»Nee, nicht mit mir!« Abwehrend hob Paul die Hand und blickte seinen Klassenkameraden an.
»Ach, du bist und bleibst eine Memme! Das hat schon Simon letzte Woche gesagt!«
Als Pitt Simon erwähnte, erstarrte Paul. Sein Freund sollte das behauptet haben?

Pitt sah mit Schadenfreude, welchen Eindruck seine Lüge bei Paul hinterließ. Um ihn noch mehr anzustacheln, verstärkte er die Behauptung frech: »Klar, und das hat er nicht nur einmal mir gegenüber angedeutet. Erst gestern hat er gemeint, dass du ein furchtbarer Angsthase bist!«
Paul traute seinen Ohren kaum: Sein bester Freund hatte ihn einen Angsthasen genannt? Wieso redete der so schlecht über ihn? Und überhaupt: Er, Paul, war doch gar kein Angsthase! Er hatte genauso viel Mut wie jeder andere!

Pitt beobachtete Paul von der Seite, während sie die Straße hinuntergingen. Er sah, wie sein Kamerad die Stirn in Falten legte. Und er wusste, dass er nur noch ein bisschen nachlegen musste, um dessen Stolz völlig zu kränken. Dann würde selbst Paul, der stets so anständige Paul, seine eigene Ehre verteidigen … Pitt holte seinen letzten Trumpf aus den Tiefen seines gemeinen Charakters: »Ach, nicht nur Simon denkt das. Die ganze Klasse lacht schon über dich!«
»Aber weshalb denn?«
»Weil du immer so brav und damit stink-langweilig bist!«

Paul nagte an seiner Unterlippe, als könnte er so diese beschämende Behauptung entkräften. Er hatte gar keine Ahnung gehabt, dass die anderen so über ihn dachten. Das war ja echt peinlich!

»Um auf’s Eis zurückzukommen: Und, kommst du mit mir?«

Paul war völlig verwirrt. Was sollte er tun? Wenn er jetzt »Nein« sagte, würden Pitt und damit alle ihn erst recht für einen Waschlappen halten. Also fragte er: »Wo willst du das Eis überhaupt herkriegen?«
»Na, da vorne bei dem Türken! Der kann von seiner Kasse aus die Tiefkühltruhe kaum sehen. Und sobald der mit anderen Kunden beschäftigt ist, merkt der nicht einmal, dass wir wieder rausspazieren.«
»Das klingt, als ob du das bereits öfter gemacht hast!«
»Was denkst du denn? Ich hole mir jeden Mittag mein Eis dort. Die sind echt zu blöd, um mich zu erwischen!«
Nun kamen erneut Pauls Gewissensbisse hoch – so, wie Luftblasen zur Wasseroberfläche steigen: »Aber dann fehlt denen doch hinterher das Geld.«
»Meine Güte noch mal, Paul. Meinst du, die können wirklich rechnen? Das sind schließlich bloß Türken! Die sollen froh sein, dass sie bei uns leben dürfen! Bist du nun ein richtiger Kerl oder willst du lieber zu deiner Mama und dich bei ihr ausheulen?«

Paul kämpfte mit sich. Es merkte ja keiner, oder? Und die zwei Euro fielen ja auch kaum ins Gewicht, oder? Viel mehr würde seine Zukunft sehr unangenehm werden, wenn Pitt in der Schule von seinen Skrupeln erzählte.

»O. K., ich komm mit. Aber nur das eine Mal, ist das klar?!«

2. Nur das eine Mal

Pitt grinste. ›Nur das eine Mal!‹ Er wusste, dass es nicht bei dem einen Mal bleiben würde. Sobald Paul mitging, hatte er ihn in der Tasche. Und morgen konnte er ihn unter Druck setzen, indem er ihm androhte, den Diebstahl zu verraten … Und ab sofort würde Paul wie ein Sklave alles tun, was er, Pitt, von ihm verlangte – nur damit keiner erfuhr, dass er ein waschechter Dieb war.

Die beiden betraten scheinbar arglos wie ein kleines Kind den Laden. Herr Ulusoy, der Besitzer, wog gerade einen Beutel Kartoffeln für eine Kundin ab. Sonst war es leer in dem Geschäft. Pitt schlenderte zur Tiefkühltruhe, schaute sich um und öffnete sie. Zielsicher fischte er zwei Magnums heraus und drückte sie Paul in die Hand. Er nickte ihm zu und deutete mit seinen Augen zum Ausgang. Während er selbst in die Nähe von Herrn Ulusoy ging, um ihn mit einer Frage über Äpfel abzulenken, verschwand Paul mit den Leckerbissen nach draußen. Obwohl die Verpackungen eiskalt waren, brannten sie in seinen Händen wie feurige Kohlen. Am liebsten hätte er sie sofort wieder zurückgebracht. Aber dann würde sich Pitt über ihn kaputt lachen …

Er lief um die nächste Ecke. Dort brauchte er nicht lange zu warten, bis sein Klassenkamerad kam: »Und? War es schwierig?«
»Nein«, erwiderte Paul kleinlaut.
»Ich sag’s doch: Die sind zu dumm für uns. Solche Dummheit schreit danach, dass sie ausgenutzt wird.«

Sie setzten sich auf eine Gartenmauer, packten das Eis aus und schleckten es. »Mmh, super!« Pitt war zufrieden. Er hatte ein Eis, einen Mittäter und damit jemanden, den er in Zukunft herumdirigieren konnte. Perfekt!

Schleckermäulchen beim Eis schlecken
Thommy Weiss @ pixelio.de

Paul dagegen wusste, dass er nie mehr solch ein leckeres Mandeleis genießen konnte, ohne an den heutigen Diebstahl erinnert zu werden. Diese Tat klebte an jedem Eis, das er in Zukunft essen würde. Da war eine Verbindung geschaffen, die fester hielt als jegliches Uhu!
Es war wirklich schlimm: Gerade hatte er seine Unbescholtenheit verloren. Und erst jetzt wurde ihm klar, wie wertvoll diese Unschuld war. Was gäbe er her, um sie nochmals herzustellen! Er fühlte sich dreckig und beschmutzt, als hätte er in Matsche gebadet.
Er war ein Dieb! Ein infamer Dieb. Er war weder anständiger als jeder Gefängnisinsasse, noch war er besser als Pitt.

Kurze Zeit später trennten sich die beiden, um endlich nach Hause zu gehen.

3. Ein Dieb wird schnell auch zum Betrüger

Paul grübelte. Wie sollte er seiner Mutter unter die Augen treten? Klar, sie wusste nichts von seiner Gemeinheit. Sie dachte, er sei ein toller Kerl. Aber in Wirklichkeit – war er ein ausgebuffter Heuchler!

Daheim angekommen klingelte er. Als seine Mutter die Tür öffnete, drückte er sich an ihr vorbei. »He, Paul, was ist denn los? Die Sonne lacht und du siehst aus, als wenn dir der Tag verhagelt wäre. Ist etwas passiert?«
»Nein, alles ist O. K.!«
»Ach, Paul, mir kannst du nichts vormachen. Irgendetwas ist dir über die Leber gelaufen.«
»Mama, da ist nichts!«
»Aber du kommst heute später als sonst.«
Fieberhaft überlegte Paul, wie er das erklären sollte. Wie von selbst formte sich eine handfeste Lüge auf seinen Lippen: »Unser Lehrer musste uns noch etwas zeigen!«
»Na gut. Jedenfalls können wir jetzt essen.«
»Muss das sein? Ich habe gar keinen Hunger.« Paul konnte nach wie vor seiner Mutter nicht in die Augen schauen.
»Sag mal, wirst du krank? Normalerweise hast du einen Bärenhunger nach der Schule, vor allem, wenn du später kommst!«
»Nein, ich habe einfach keinen Appetit!«
»Hast du bereits etwas gegessen?«
»Nein, was soll ich denn gegessen haben?« Nun wurde Paul richtig aggressiv.
»O. K., dann wasch dir die Hände und setz dich trotzdem an den Tisch. Deine Schwester wartet schon auf uns.«

Wie geheißen, ging der Junge ins Badezimmer und drehte den Wasserhahn auf. Er hielt seine Hände unter den kühlen Strahl und sah erst jetzt, dass er am Zeigefinger etwas Schokolade hatte. Ach, wäre das schön, wenn er nicht nur seine Hände, sondern ebenso seine Seele wieder reinwaschen könnte! Mit einem Mal entrang sich ihm ein Schluchzer. Ärgerlich wischte er sich eine Träne weg. Er war wirklich eine Memme. Wie sollte aus ihm einmal ein richtiger Mann werden? Trotzdem liefen unaufhaltsam Tränen über sein Gesicht. Er konnte noch so viel wischen …

Plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa, seine Schwester schaute herein. »Warum heulst du denn?«
»Ich heule überhaupt nicht!«
»Natürlich heulst du!« Und schon drehte sie sich um und rief ins Esszimmer: »Mama, Paul heult wie ein Schlosshund!«
Das war zu viel. Er schubste sie raus und knallte die Tür hinter ihr zu. Dann schloss er ab.
»Paul?« Er hörte der Stimme seiner Mutter an, wie besorgt sie war. Allerdings machte ihn das nur noch wütender. »Lasst mich doch alle in Ruhe! Kann man denn nicht einmal im Badezimmer allein sein?«

Er hörte erleichtert, dass seine Mutter sich entfernte. Kurz darauf nahm er das Klappern von Geschirr wahr: Sie und Lisa aßen die Pfannkuchen …

Paul setzte sich auf den Badewannenrand. Er zwang sich, seine Lage so nüchtern wie möglich zu betrachten. Sonst würde er nie wieder klarkommen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
S. Hofschlaeger @ pixelio.de

Er war ein elender Dieb. Das stand fest. Wie wollte er jetzt weitermachen? Damit keiner das bemerkte, musste er lügen, lügen und noch einmal lügen, so wie gerade bei seiner Mutter und bei Lisa:
›Alles war o.k.?‹ – das war eine bärenstarke Untertreibung gewesen.
›Der Lehrer hatte noch etwas zeigen müssen?‹ – die nächste Lüge … –
›Er hatte noch nichts gegessen?‹ ›Er heulte nicht?‹ – so offensichtlich kann man ja gar nicht die Wahrheit verdrehen! –
Falls er also den Diebstahl verheimlichen wollte, würde er nicht nur ein Krimineller sein, sondern gleichzeitig zum Betrüger werden …

Aber was blieb ihm anderes übrig?

Paul erinnerte sich an einen Satz, den sein Vater gestern noch gesagt hatte: Man hat stets die Wahl … Stimmte das? Hatte Paul die Wahl? Ja, wenn er den Diebstahl beichten würde …

4. Die Wahl

Was seine Familie wohl dann von ihm denken würde? Wahrscheinlich wäre er für immer unten durch. Aber: Er wäre wenigstens kein Lügner!

Paul kämpfte einen schweren Kampf mit sich. In der Zwischenzeit hatten seine Mutter und Schwester bereits aufgegessen. Lisa ging nach oben in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen, während Mutter die Spülmaschine einräumte. Plötzlich nahm sie hinter sich eine Bewegung wahr. Sie drehte sich um und sah Paul im Türrahmen stehen. Sein Gesicht war verquollen. Ihre erste Reaktion war, ihn in den Arm zu nehmen. Doch er wehrte sie ab: »Ich muss dir etwas sagen. Und wenn du das gehört hast, wirst du mich nie mehr in den Arm nehmen wollen«, schluchzte Paul.

»Dann verrate mir, was du auf dem Herzen hast.« Sie setzte sich auf den Küchenschemel und sah ihn an. Er senkte seinen Blick und langsam, ganz langsam, erzählte er, was er getan hatte.

Als er geendet hatte, war es absolut still in der Küche. Nur die Uhr tickte im gleichen Rhythmus wie seine Selbstanklage: »Du Dieb, du Dieb, du Dieb, …«
Vorsichtig schaute er zu seiner Mama, um zu sehen, ob sie ihn nun verachtete. Sie blickte ernst, aber unheimlich liebevoll zu ihm und fragte: »Darf ich dich jetzt umarmen?«

Ohne weiter zu überlegen warf er sich an die Brust seiner Mutter und weinte herzzerreißend. Sie strich ihm über das Haar und hielt ihn fest an sich gedrückt. Nach und nach beruhigte er sich. Er merkte, wie sein Herz wieder leichter wurde. Unsicher schaute er seiner Mama in die Augen: Sie war ihm nicht böse. Doch dann sagte sie: »Setzt dich her zu mir«, und schob ihm einen Stuhl hin. »Erst einmal: Das war sehr mutig, dass du das gebeichtet hast! Da habe ich richtig Hochachtung vor dir! Du bist ein echt tapferer Kerl! Trotzdem weißt du, dass du den Diebstahl in Ordnung bringen musst, nicht wahr?«

Paul nickte. Plötzlich kroch erneut die Schwere wie eine dicke hässliche Spinne in sein Herz zurück. Aber dieses Mal war es eher Angst vor Herrn Ulusoy und weniger die tiefe Verzweiflung, die er vorher gespürt hatte. Und die wollte er nie wieder in seinem Leben erfahren. Da würde er lieber dem Ladenbesitzer sein Stehlen gestehen, als das noch einmal durchzumachen!

5. Ein schwerer Weg

Kurz darauf sah man, wie Paul und seine Mutter das Haus verließen und zum »Türkischen Markt« wanderten. Zögernd öffnete Paul die Ladentür. Doch da seine Mutter hinter ihm stand, nahm er allen Mut zusammen und ging zu dem Gemüsestand, an dem Frau Ulusoy gerade die Möhren sortierte.

»Entschuldigung, Frau Ulusoy, ich muss Ihnen etwas sagen«, begann Paul. Er wusste gar nicht, wie er seine Tat gestehen sollte, und druckste ein bisschen herum.
»Was willst du mir denn sagen?«, fragte die Frau freundlich und schaute von ihm zu seiner Mutter und zurück.

»Ich … ich habe heute Mittag ein Eis bei Ihnen geklaut!« Nun war es heraus. Paul trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht recht, wo er hinblicken sollte. Doch endlich schaute er in die Augen von Frau Ulusoy und war bestürzt: Sie weinte still! Impulsiv ergriff er ihre Hand und sprudelte hervor: »Das tut mir so leid! Und ich möchte gerne alles wieder gutmachen!«

Langsam wischte sich die Ladenbesitzerin die Tränen fort. Dann wandte sie sich nach hinten und rief: »Cem! Komm doch mal bitte!« Durch einen Kordelvorhang erschien Herr Ulusoy und schaute seine Frau fragend an. Die drehte sich wieder zu Paul und forderte ihn auf: »Erzähl das noch einmal!«

Paul erklärte erneut, was er getan hatte, auch das ihm das Ganze furchtbar leidtat. Anschließend nahm er das Geld, das er mitgenommen hatte, und gab es Herrn Ulusoy, um abschließend seine Schuld zu begleichen.

»Weißt du, Paul«, sagte dieser und schaute von den Münzen zu dem Jungen hin: »Jetzt bist du kein Dieb mehr! Du hast bezahlt!« Ein Lächeln spielte um seinen Mund. Und Paul fiel ein Stein vom Herzen: Endlich war alles wieder gut.

Herr und Frau Ulusoy luden Paul und seine Mutter noch nach hinten in den privaten Raum ein, um ein Glas Apfeltee miteinander zu trinken. Der Junge wäre zwar lieber nach Hause gelaufen, doch folgte er willig den Erwachsenen durch den Vorhang. Und nun erzählte Frau Ulusoy, dass sie sehr oft bestohlen würden. Eigentlich brauchten sie das Geld dringend, nur wollten sie keinen Ärger mit deutschen Eltern bekommen. Natürlich merkten sie, dass nach Schulende manche Kinder etwas stahlen. Aber sollten sie die der Polizei melden? Und würde dann ihr eigener Sohn nicht in der Schule von den anderen Schülern gemobbt werden?

Sie freuten sich aufrichtig, dass Paul so ehrlich und mutig gewesen war, seinen Diebstahl wieder in Ordnung zu bringen.
.
Herzlich verabschiedeten sich Paul und seine Mutter und traten den Heimweg an. Jetzt sah der Junge plötzlich, wie herrlich die Sonne schien und wie wunderbar blau der Himmel leuchtete.

6. Pitt versucht es nochmal

Am nächsten Morgen machte sich Pitt voller Schadenfreude auf den Weg zur Schule. Heute würde er Paul wieder mitnehmen, um sich ein Eis zu besorgen. Nein, noch besser: Er würde ihn zwingen, selbst zwei Magnums aus der Tiefkühltruhe zu klauen! Und wenn Paul erwischt wurde, würde er, Pitt, sagen, dass das nur Pauls Idee war … Und das war erst nur der Anfang. Ab sofort würde die Memme alles tun, was er von ihm verlangte …

Da kam er ja schon mit seinem Freund Simon an. Na warte, gleich wirst du dich um mich kümmern und nicht mehr um andere!

Eins allerdings kam Pitt seltsam vor: Er hätte kaum geahnt, dass Paul so fröhlich sein würde. Eigentlich hatte er erwartet, dass sein Klassenkamerad vor schlechtem Gewissen nicht den Blick heben konnte und wie ein flügellahmer Vogel herumschleichen würde. So wie gestern. Aber Paul war wie sonst, ja, sogar noch ausgeglichener. Seltsam!

Als die große Pause kam, sprach er Paul an: »Und? Gehen wir heute nochmal zum Türken?«
Paul schaute ihn an: »Klar, lass uns in den »Türkischen Markt« gehen! Ich habe Geld dabei und wir können ein Eis kaufen!«
»Wieso kaufen? Es reicht, wenn du etwas mitgehen lässt.«
»Das tue ich nie wieder!«
»Das wirst du tun müssen, da ich sonst allen erzähle, dass du ein Dieb bist!«
»Ich bin ja gar kein Dieb!«
»Natürlich bist du einer! Gestern noch hast du ein Eis geklaut!«
»Habe ich nicht!«
»Hast du doch – und ich bin Zeuge!«
»Aber du hast nicht mitgekriegt, dass ich es nachmittags bezahlt habe!«

Verblüfft starrte Pitt sein Gegenüber an: »Du hast was?«
»Ich war bei den Ulusoys und habe nachträglich das Eis bezahlt und mich entschuldigt. Und weißt du was: Sie wissen, dass sie immer wieder bestohlen werden. Sie sind gar nicht so dumm, wie du denkst. Nur liefern sie dich nicht der Polizei aus!«

Pitt wich einen Schritt zurück. Er merkte, dass er keine Gewalt mehr über Paul hatte. Und wie zur Bestätigung beendete Paul das Gespräch, indem er sagte: »Übrigens habe ich Simon gefragt. Er hat nie gesagt, dass ich ein Angsthase bin. Da hast du wohl tüchtig gelogen!«

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Robert Eichinger@ pixelio.de

Paul drehte sich um und ging den anderen Kindern nach, die bereits auf dem Pausenhof spielten. Er hatte die Verbindung zu Pitt getrennt, wie man eine Telefonverbindung trennt. Pitt konnte ihm nichts mehr anhaben. Er, Paul, hatte verstanden: Man hat immer die Wahl – und er hatte die Freiheit gewählt.

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»Gott hat einen hohen Preis für euch und eure Freiheit bezahlt, deshalb werdet nicht Sklaven von Menschen.« (Nach 1. Korinther 7,23)

 

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