Der Sturz

Kinzig

Hilfe!

Lisa merkte, wie sie keinen Halt mehr unter den Füßen hatte. Sie rutschte über den feuchten Untergrund direkt auf den tosenden Fluss zu.
Hätte sie doch auf die anderen gehört!
Sie versuchte, nach den Zweigen einer Trauerweide zu greifen, allerdings hingen die zu hoch. Stattdessen verlor sie das Gleichgewicht vollends und landete auf ihrem Po. ‚Jetzt verschlammt auch noch die neue Hose!‘ Nur: was machte das noch, wenn sie sowieso ertrank? Bei dieser Strömung konnte sie nie und nimmer schwimmen.
Lisa schrie, was das Zeug hielt: „Hilfeee!“
Kam denn niemand, um sie festzuhalten? Aber sollten ihre Freunde das wagen, würden sie mit ihr zusammen in der Kinzig untergehen.
„Hilfeee!“ Verzweifelt spürte Lisa, wie ihre Beine in das Wasser glitten … „Hilfeee!“

Herbstferien

Eigentlich sollten es unbekümmerte und fröhliche Herbsttage werden. Frau Schott hatte für jeden ihrer vier Kinder eine neue, kuschelige Fliesjacke gekauft: Paul, der Viertklässler, hatte auf einer türkisblauen bestanden, während die 8-jährige Lisa die graupinke bevorzugte. Den jüngeren Zwillingen war die Farbe egal. Hauptsache, sie durften die Playmobil-Feuerwehr mit in die Ferien nehmen.

Lisa suchte auf ihrem Bett alles zusammen, was sie in den Koffer packen wollte. Bei der neuen Hose zögerte sie: Ihre Mutter hatte extra erwähnt, dass sie die für die Schule aufheben sollte. Aber die Jeans war einfach zu toll mit ihren abgesetzten pinkfarbenen Nähten und Strasssteinchen an den Taschen. Lisa schaute vorsichtshalber zur Tür, ob ihre Mama nicht gerade vorbeikam. Nein, sie hörte sie noch im Nebenzimmer. Beruhigt verbarg sie die Jeans unter dem Jogginganzug.
Kaum hatte sie ihre Hose versteckt, als ihre Mama ins Zimmer kam und kurz Lisas Wäschestapel kontrollierte. Natürlich fischte sie sofort die fabrikneue Jeans heraus: „Ich hatte dir gesagt, dass du die nicht einpacken sollst!“
Sie nahm sie und verstaute sie im Kleiderschrank. Danach eilte sie zu Pauls Koffer im gegenüberliegenden Raum.
Lisa starrte vor sich hin. Sie wollte die Hose auf jeden Fall mitnehmen und ihrer Cousine zeigen! Immer musste Mama ihr den Spaß verderben. Was war denn dabei, wenn die Hose beim Spielen etwas dreckig wurde? Sie hatten doch eine Waschmaschine! Schließlich lebten sie nicht in der Steinzeit. Und im Übrigen konnte Lisa sehr gut aufpassen, dass die Jeans kein Loch bekam. Aus dem Alter, in dem man mit Flicken auf den Knien herumlief, war sie längst heraus. Ihre Mutter musste sie nicht wie Tim und Malte behandeln!
Sie öffnete den Koffer, holte die Hose wieder aus dem Schrank und legte sie zu unterst in den Trolley. Darauf stapelte sie den Schlafanzug, die Pullover und den Jogginganzug. Nun noch die Waschsachen, ein paar Bücher und vor allem ihren CD-Spieler mit den spannenden Schlunzgeschichten. Sie gab dem Deckel einen entschlossenen Klaps, sodass er mit einem kräftigen „Klack“ zufiel: Es war, als ob sie damit jeden Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung zum Schweigen bringen wollte – was allerdings nicht ganz funktionierte. Ihr schlechtes Gewissen nagte an ihr wie ein Hase an der Möhre. Vielleicht sollte sie die Hose doch auspacken?
Da kam ihr Papa ins Zimmer. „Bist du fertig? Dann trage ich deinen Koffer schon mal zum Auto!“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er ihn hoch und war blitzschnell mit ihm verschwunden.

Bald saßen sie alle in ihrem VW-Bus und fuhren Richtung Hanau. Jedes Jahr verbrachten sie ihre Herbstferien gemeinsam mit der Familie von Mutters Schwester: immer abwechselnd einmal bei den einen, dann bei den anderen.
Besonders Paul und Lisa freuten sich, endlich wieder mit ihrem Cousin und ihrer Cousine zusammen sein zu können. Jonas und Sara waren tolle Kumpel. Was machte das für einen Spaß, wenn sie gemeinsam an der Kinzig spielten, Staudämme bauten oder Schiffe segeln ließen!

Kaum bogen sie in die Reichenberger Straße ein, als sie schon mit einem lauten „Hallo!“ begrüßt wurden. Nicht nur ihre Cousins standen strahlend an der Einfahrt, sondern auch Ünal und Elif, die Nachbarskinder.
Lisa war begeistert. Jetzt ging es richtig los! Vor Aufregung boxte sie ihrem Bruder in die Rippen. Der zuckte zusammen und schrie: „Au! Bist du verrückt?“
Ihr Papa stöhnte: „So lasst uns doch erst einmal ankommen, bevor ihr euch in die Schlacht stürzt! Ich muss in Ruhe einparken, sonst schramme ich am Zaun vorbei.“
Während er zurücksetzte, konnte Paul es jedoch nicht lassen und zwickte seine Schwester in den Arm. Die kreischte auf, weshalb ihr Papa fürchterlich erschrak.

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Foto von JESHOOTS.com von Pexels

Er riss das Steuer herum. Augenblicklich hörten sie ein hässliches „Krrrrz“ und ließ sie erstarren. Der Vater trat auf die Bremse, das Auto stand und alle schauten sich entsetzt an: „Seid ihr denn noch ganz gescheit, mich so zu erschrecken“, polterte ihr Vater los. Er saß ein paar Sekunden da, während keiner sich zu rühren wagte. Dann sagte er mit einer unheimlich ruhigen Stimme: „Wer von euch meint, immer das machen zu können, was er will, statt uns zu gehorchen, der bekommt nach den Ferien zu Hause eine deftige Strafe! Habt ihr das verstanden?“ Die Kinder nickten. Danach rangierte er den VW ordentlich in die Parklücke.

Nachdem ihr Ferienanfang auf diese Weise etwas verunglückt war, stiegen sie aus. Die wartenden Kids wollten sie bereits zum Spielen fortziehen.
Vorsichtshalber fragte Paul seine Eltern: „Dürfen wir mitgehen, oder sollen wir erst die Koffer auspacken?“
„Ihr beiden Großen könnt spielen gehen, dann steht ihr uns wenigstens nicht im Weg! Aber seid vorsichtig am Fluss, dass ihr da nicht hineinfallt!“
„Ach Mama, das sagst du uns jedes Jahr. Wir passen schon auf!“

Stürmische Nacht

Als die Kinder abends ins Bett gingen, blieben sie noch lange wach. Da sie zu viert in einem Zimmer schliefen, nahm das Erzählen, Lachen und Toben kaum ein Ende. Doch als Pauls und Lisas Papa wie ein General mit ernster Miene in der Tür erschien, da rissen sie sich zusammen. Eine „deftige Strafe“ nach den Ferien wollten sie nicht riskieren.
Es dauerte nicht mehr lange, da fielen ihnen die Augen zu.
Paul träumte, dass er Vaters VW-Bus gegen einen Baum fuhr. Lisa dagegen quälte ein Albtraum wegen ihrer Jeans, die sie heimlich mitgenommen hatte: Dauernd zog sie die schöne Hose an und wurde prompt von ihrer Mutter erwischt.

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Foto von Kat Jayne von Pexels

In ihrem tiefen Schlaf merkten die Kinder gar nicht, wie draußen der Wind auffrischte, um immer böiger zu wehen. Um Mitternacht herum entwickelte er sich zu einem Orkan, der manche Äste von den Bäumen abbrach. Der Herbst hielt Einzug und wollte allem Anschein nach erst einmal ordentlich aufräumen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde von den Bäumen, Sträuchern und Dächern gerissen.
Anschließend setzte der Regen ein. Es goss wie aus Kübeln. Kein Tier wagte sich in dieser Nacht aus seiner Behausung: Die Eule schwieg, der Rotfuchs zog sich vom Eingang seines Baus zurück und der Igel wünschte sich, er hätte schon sein Winterquartier bezogen. Der Waldboden weichte auf und das Ufer der Kinzig verwandelte sich in einen riesigen Lehmstreifen.

Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei. Als die Kinder aufwachten, strahlte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel herab. Nur die Pfützen spiegelten die blaue Farbe und verrieten etwas von dem Unwetter – ebenso wie zahllose Zweige, Blätter und Kastanien, die sich in der Einfahrt angesammelt hatten.

Beim Frühstück wurde viel gelacht und die ersten Pläne für den Tag entwickelt. Mit vollem Mund gab Paul bekannt: „Wir wollen Fußball spielen!“
Die Erwachsenen fanden das gut: „Aber vorher befreit ihr die Auffahrt von dem bunten Blätter-Teppich, der sich in dieser Nacht gebildet hat!“
„O. K., wenn es sein muss!“, gab sich Jonas geschlagen.
„Allerdings muss das sein. Wir Erwachsenen müssen noch einiges einkaufen, sonst gibt es am Mittag nichts zu essen! Und die Zwillinge nehmen wir mit.“
„Das ist doch ein anständiger Deal!“, ließ sich Jonas Schwester Sara hören, „wenn wir dann was Ordentliches zu futtern bekommen, soll es uns recht sein.“
Nun mischte sich auch Lisas Mama ein: „Aber ihr geht nicht an die Kinzig! Sie hat heute eine gefährliche Strömung!“
„Außerdem“, so fiel ihr Mann ihr ins Wort, „außerdem ist das Ufer völlig aufgeweicht und glitschig wie Schmierseife. Da könnt ihr schnell abrutschen und in den Fluten verschwinden.“
Lisa verdrehte die Augen. Schon wieder wurden sie wie kleine Kinder behandelt. Doch ihr Vater blickte sie streng an: „Meine liebe Tochter, ich möchte wirklich nicht, dass dir etwas passiert! Bleib vom Ufer weg!“
Das Mädchen hob besänftigend die Hände: „Ist ja O. K., ich hab’s verstanden!“

Der erste Vormittag

Bald darauf fand man die vier Cousins und Cousinen mit Besen und Rechen bewaffnet auf dem Bürgersteig. Nachdem auch Elif und Ünal zu ihnen stießen, wurde die Säuberungsaktion zu einem Wettspiel Jungen gegen Mädchen umgewandelt.
„Ihr Jungen müsst den rechten Streifen vom Laub befreien, wir den linken!“, ordnete Sara an. „Wer zuerst fertig ist, hat gewonnen!“
Auf „los“ ging‘s los. Allerdings flogen immer wieder Blätter in das gegnerische Feld, weshalb sie nach einer Viertelstunde lachend aufgaben.
„So hat das keinen Sinn. Da sind wir ja übermorgen noch beschäftigt!“
„Ich würde sagen, wir haben alle gewonnen!“
Da stimmten sie überein, fegten die letzten Sturmfolgen zur Seite und füllten sie in den Biosack.
„Und was machen wir jetzt?“

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Foto von Markus Spiske temporausch.com von Pexels

„Na, Fußball spielen!“, riefen die Jungen wie aus einem Mund.
„Ist doch langweilig!“, meinte Elif. Aber da die anderen sie überstimmten, lief sie mit ihnen zum Schulhof, der sich wunderbar für ein Spiel eignete.

Irgendwann knurrte ihnen der Magen, weshalb der Spieleifer merklich nachließ. Deshalb zogen sie gemeinsam wieder nach Hause und suchten in der Küche nach etwas Essbarem.
„Habt ihr keine Duplos oder so was Ähnliches?“, fragte Paul seinen Cousin. Der zuckte mit den Schultern und zeigte auf die leere Schublade: „Ist nichts da. Wahrscheinlich sorgen meine Eltern gerade für Nachschub!“ Also begnügte sich jeder mit einem Apfel. Das folgende Schweigen bewies, dass er ihnen gut schmeckte.

Lisa gab den beiden anderen Mädchen ein Zeichen, dass sie mit ihr kommen sollten. So verschwanden sie in ihrem Zimmer. Lisa öffnete ihren Koffer und holte ihre neue Jeans heraus: „Na, wie findet ihr die?“
„Wow!“, staunte Elif, „so eine möchte ich schon lange haben!“
„Hast du die neu?“, fragte Sara.
„Ja, eigentlich ist sie für die Schule, trotzdem wollte ich sie euch zeigen.“
Elif drängte: „Zieh sie mal an.“
Lisa schaute unsicher: “Wenn meine Mama mich mit ihr sieht, gibt es Ärger.“
„Ach, die ist doch einkaufen!“
Lisa schielte zu Sara, die mit dem Kopf schüttelte. „Das würde ich nicht tun, wenn deine Mama das nicht gut findet.“
„Aber mal kurz anziehen ist ja wohl nicht schlimm, oder? Einmal ist kein Mal!“ Elif ließ nicht locker. Sie liebte Kleidung über alles und sah sich schon als berühmte Modeschöpferin.
Lisa hob erst unschlüssig ihre Schulter, dann jedoch entspannte sie sich. „Ich zieh sie schnell an, davon geht die Welt nicht unter!“
Fix wechselte sie ihre Hose und präsentierte sich ihren Freundinnen wie ein Model.
In dem Moment hörten sie die Haustür und Lisas Mutter rief: „Kinder, seid ihr da? Dann helft uns mal eben tragen!“
Entsetzt schauten sich die Mädchen an. „Nix wie weg hier!“, flüsterte Lisa, die auf keinen Fall in ihrer neuen Jeans erwischt werden wollte.
Sie öffneten die Zimmertür. Als sie sahen, dass die Mutter wieder draußen war, ergriffen sie ihre Jacken und sprangen zur Hintertür, um in den Garten zu laufen.
„Geschafft!“ Elif funkelte die anderen fröhlich an, aber Lisa war gar nicht glücklich. Ihr war zum Heulen zu Mute. Was hatte sie getan!

Von drinnen hörten sie nun die Stimmen von ihrem Vater: „ Wo sind denn die Mädchen?“ Keiner wusste es und die Jungen liefen nun auch in den Garten.

„Da steckt ihr ja!“, rief Ünal. „Was wollen wir jetzt machen?“

Das Unglück nimmt seinen Lauf

„Lasst uns doch mal schauen, wie hoch die Kinzig nach dem Regen von letzter Nacht ist!“
„Ja, kommt, wir gehen auf die Brücke, da kann uns nichts passieren.“ Jonas führte die anderen zum Gartentörchen und alle schlüpften hindurch. Im Gänsemarsch passierten sie den schmalen Weg durch die Wiese, die an dem Fluss vorbeiführte.
„Puh, ich krieg ja völlig nasse Füße!“, beschwerte sich Elif. Lisa schaute an ihren Beinen herunter und erschrak: Die Hose färbte sich an den Waden tiefblau, so feucht war sie bereits. Aber das würde wieder trocknen. Sie musste halt achtgeben, dass sie nicht zu nah an den Uferstreifen kam, der so matschig war.
Bald standen sie auf dem Steg.
Kinzig„Wow, so hoch habe ich den Fluss ja noch nie gesehen!“, rief Sara verblüfft. Auch die anderen blickten erstaunt in die reißende, braune Flut.
„Die Kinzig tut, als wäre sie der breite Main. Wie wenn Malte denkt, er wäre schon ein Mann, so spielt sie sich auf!“, stellte Jonas fest.
Sie hoben Zweige auf und schmissen sie in den Fluss.
„Mensch, wie die mitgerissen werden!“
„Wie winzige Boote, die über ein wütendes Meer getrieben werden.“
„Lasst uns doch ein Bötchen bauen und dann sehen, wie es davonschwimmt.“, schlug Paul vor.
„Au ja, ich hole Bindfaden und ihr sammelt schon einmal Äste!“, begeisterte sich Jonas sofort. Gesagt, getan. Die Kinder suchten möglichst gerade Zweige und Baumrinde. Mit dem Zwirn banden sie diese fachmännisch zu einem Floß zusammen. Da so viel Reisig auf dem Boden lag, wurde das Gefährt recht groß.
„Ich glaube, das reicht“, erklärte Ünal. Die anderen nickten. Vorsichtig hoben sie das Floß über das Brückengeländer. Sie hielten es waagerecht über den Fluss. Dann zählten sie: „Eins, zwei, drei!“ Und bei „drei“ ließen sie es in die Kinzig fallen. Unter lautem Beifall platschte es auf die Wasseroberfläche, drehte sich einmal um die eigene Achse und schwamm ein paar Meter.
„Mist“, rief Lisa, „jetzt ist es hängengeblieben!“ Das Boot hing an einem Ast fest, der in den Fluss hinein ragte.
„Wir müssen es losmachen!“
„Bist du verrückt? So nahe kommen wir nicht an das Wasser ran, ohne in Gefahr zu geraten!“
„Aber mit einem Stock könnten wir es schaffen!“
„Lass das sein, Lisa!“, warnte ihr Bruder. Auch die anderen schüttelten den Kopf.
Trotz der Mahnung wollte Lisa ihr Floß retten und schwimmen sehen. Mit einem langen Ast war das bestimmt möglich!
Sie lief vom Steg auf die Wiese und fand schnell den richtigen Ast.
Die übrigen beobachteten von der Brücke aus, wie sie den Stab prüfte.
„Lisa, lass das sein. Das ist das Boot nicht wert“, versuchte Paul noch einmal, seine Schwester von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch die war für seine Warnungen nicht mehr erreichbar. Als ob sie dichtgemacht hatte oder einen Vorhang vorgezogen hatte, um alle Einsprüche draußen zu halten. Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, wollte sie auch umsetzen.
Vergessen war ihre neue Hose. Die Drohung von ihrem Papa, nicht den eigenen Kopf durchzusetzen, schob Lisa bewusst zur Seite. Sie wollte das Floß zum Schwimmen bringen.

Als sie an der Böschung stand, setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Immer näher kam sie dem Wasser. Nur noch ein Meter! Aber dann geschah es: Lisa merkte, wie sie keinen Halt mehr unter den Füßen hatte. Sie rutschte über den feuchten Untergrund direkt auf den tosenden Fluss zu.
Hätte sie doch auf die anderen gehört!
Sie versuchte, nach den Zweigen der Trauerweide zu greifen, allerdings hingen die zu hoch. Stattdessen verlor sie das Gleichgewicht vollends und landete auf ihrem Po. ‚Jetzt verschlammt auch noch die neue Hose!‘, schoss es ihr durch den Kopf. Nur was machte das noch, wenn sie sowieso ertrank? Bei dieser Strömung konnte sie nie und nimmer schwimmen.
Lisa schrie, was das Zeug hielt: „Hilfeee!“
Kam denn niemand, um sie festzuhalten? Aber sollten ihre Freunde das wagen, würden sie mit ihr zusammen in der Kinzig untergehen.
„Hilfeee!“ Verzweifelt spürte Lisa, wie ihre Beine in das Wasser glitten … „Hilfeee!“

Kann Lisa gerettet werden?

Während Lisa ungehindert in die Kinzig rutschte, hörte sie plötzlich, wie es neben ihr ordentlich platschte. Sie wendete ihren Kopf und sah, wie ihre Mutter in den Fluss gesprungen war und erst einmal untertauchte. Doch sobald sie wieder auftauchte, fasste sie das Mädchen und ergriff gleichzeitig einen Ast neben sich. Lisa krallte sich an ihrer Mama fest, sodass diese nun beide Hände nutzte, um sich so noch besser festzuhalten.
Da kam auch schon Papa mit einer langen Stange. Zuerst wurde Lisa aus dem Wasser gefischt, dann ihre Mutter. Als sie beide an Land waren, legte ihre Tante ihnen warme Decken um die Schultern.

Lisas Mama drückte ihre Tochter fest an sich. Auch das Mädchen klammerte sich an sie. Vor Kälte bekam sie bereits blaue Lippen, als ob sie Waldbeeren gegessen hätte. Aber sie musste ihr Herz erleichtern, bevor sie ins Haus gingen, um sich umzuziehen.
„Ich muss dir noch etwas sagen“, schluchzte sie, „ich habe, obwohl du es verboten hast, meine neue Jeans mitgenommen!“
„Ach, Kind, das ist doch jetzt nicht wichtig. Hauptsache, du bist gerettet!“
„Aber ich habe sie an und habe sie bestimmt ruiniert!“
„Mein Mädchen, glaubst du denn wirklich, dass ich nur darauf aus bin, dass du strikt gehorsam bist? Dass ich dir den Spaß verderben will? Ich bin nicht ans Wasser gesprungen, um mit dir zu schimpfen, sondern um dich zu retten!“

Paul rief verblüfft: „Das hat Jesus auch gesagt!“
„Wie bitte, das soll Jesus gesagt haben?“, staunte Jonas nicht schlecht.
„Ja, er hat einmal den Menschen gesagt, dass er nicht gekommen ist, um die Menschen zu richten, sondern um sie zu retten!“

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Foto von rawpixel.com von Pexels

„Nun kommt erst mal ins Haus!“, befahl Vater, „sonst holt ihr euch noch den Tod!“
Die ganze Gesellschaft zog durch den Garten. Lisa wie ihre Mutter duschten warm und zogen ihre kuscheligen Jogginganzüge an. Anschließend tranken alle zusammen heiße Schokolade und aßen ein paar Kekse.

„Mama,“, wandte Lisa sich an ihre Mutter, die neben ihr saß und den Arm um sie gelegt hatte, „Wieso warst du im richtigen Moment bei mir?“
„Irgendwie hatte ich gefühlt, dass etwas bei euch nicht stimmte. Deshalb habe ich nachgeschaut, was ihr wohl macht. Und da sah ich, wie du die Böschung herunter rutschtest.“
„Und dann ist Mama einfach reingesprungen“, ergänzte Paul den Bericht. Das würde er nie vergessen, wie seine Mutter – ohne groß zu überlegen – hinter seiner Schwester hergesprungen war.
Laut sagte er grinsend: „Wieder: Wie Jesus!“
Jonas kapierte nicht, was er meinte: „Wieso: Wie Jesus? Ist Jesus auch ins Wasser gesprungen?“
Da mussten alle lachen. „Nein, aber Jesus hat genauso sein Leben nicht geschont, sondern hat uns gerettet, obwohl er selbst dabei starb!“
„Nur gut, dass Mama nicht gestorben ist!“
„Das hätte allerdings passieren können“, erwiderte Papa, und während er das sagte, wurde er ganz blass.
Doch Mama beendete das Gespräch und erklärte: „Ich lebe – und im Übrigen lebt Jesus ebenfalls. Schließlich ist er auferstanden!“

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