Oma, eine verdeckte Ermittlerin?

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Uwe Wagschal @pixelio.de

Wie soll ich diese Geschichte beginnen? Mit der Explosion und den Pistolenschüssen? Oder soll ich lieber der Reihe nach erzählen? Ach, ich glaube, ich fange vorne an, dann versteht ihr besser, was geschehen ist.

Meine Freundin hat eine Oma, die irgendwie ein krasses Leben führt. Nicht, weil sie im Hühnerstall Motorrad fährt, wie das bekannte Lied es beschreibt, sondern weil sie sich einfach ungewohnter verhält als manch anderer Erwachsene. Ihre Werte sind andersartig – also die Dinge, die sie wichtig findet. Und was sie für wichtig hält, das tut sie eben.

Das sieht beispielsweise so aus: Einmal in der Woche fährt sie in die Stadt. Nein, nicht mit dem Auto, sondern mit dem Omnibus. Schon im Bus versucht sie, sich auf die anderen Fahrgäste zu konzentrieren. Vor kleineren Kindern z. B. steht sie auf, damit diese sich setzen können und sicher sind. Ihr Smartphone verstaut sie bei diesen Unternehmungen tief in ihrer Handtasche, um nicht durch eingehende Nachrichten von den Menschen abgelenkt zu werden. Sowieso hat sie sich das Handy vorwiegend zum Fotografieren angeschafft.
In der Innenstadt angekommen, schlendert sie herum und beobachtet die Leute. Wie schauen sie drein? Sind sie hektisch? Blicken sie frustriert? Und dann sucht sie nach einer Möglichkeit, ihnen eine Freundlichkeit zukommen zu lassen. Beim Einkaufen lässt sie an der Kasse eine Mama mit einem Kleinkind vor; sie setzt sich neben eine heruntergekommene Frau auf die Parkbank oder hilft einem Mann mit Rollator beim Einsteigen in den Bus.

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Lichtbild Austria _ pixelio.de

Manchmal geht sie in das Café des „Büchertempels“, wie wir Einheimischen unseren Buchshop nennen. Während sie ihren Cappuccino an der Theke bestellt, macht sie eine lustige Bemerkung zu der Bedienung. Diese schaut überrascht auf und lächelt. Oma nennt das „ein Licht sein“.
Dann sucht sie sich einen Platz und betrachtet die übrigen Gäste. Sie überlegt sich, was diese Leute vielleicht schon alles erlebt haben? Zum Beispiel der Mann, der zwei verschiedene Socken trägt. Ist er ein zerstreuter Professor? Immerhin liest er ein dickes Buch über Fremdsprachen … Während sie so bei ihrer Tasse Cappuccino träumt, entstehen Geschichtsfetzen, die sie später bei Erzählungen verwendet. Denn fantasieren kann sie gut. Meine Freundin nimmt mich manchmal mit zu ihr und dann lassen wir uns von ihr eine Story erzählen. Solche Nachmittage liebe ich besonders.

Diese Oma hat immer Zeit für uns. Wie sie das macht, weiß ich nicht. Doch wenn wir kommen, dann lässt sie alles stehen und liegen und ist für uns da. Einmal habe ich gehört, wie sie bei einer Nachbarin feststellte: „Ach, meine Arbeit bleibt mir treu. Die läuft nicht weg und die klaut auch keiner. Und die muss ich nicht gerade dann machen, wenn Klara kommt.“

Klara ist meine Freundin und die hat mir von der Explosion und den Schüssen, die ihre Oma neulich erlebt hat, erzählt:

Es war Montagmorgen.

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Der fast leere Kühlschrank bedeutete für Oma, dass es wieder Zeit für einen ausgiebigen Einkauf war. Deshalb holte sie ihren metallic-blauen VW-Käfer aus der Garage und fuhr zum Lebensmittelmarkt am Ortsrand.
Im Gegensatz zu den anderen Kunden sucht sie sich stets einen Stellplatz am äußersten Ende des Parkplatzes aus. Schließlich hatte ihr Arzt ihr nahegelegt, möglichst viel zu Fuß zu gehen. Inzwischen liebt sie es, eine Parkbucht zu belegen, die freie Sicht bietet und dazu fernab aller Hektik liegt.
Sie genießt es immer, ein paar Augenblicke sitzen zu bleiben, um auf das Feld gegenüber der Landstraße zu schauen: Die fortwährende Veränderung in der Natur zu betrachten tut ihr nämlich gut. Da es Herbst war, lag der Acker gut umgegraben vor ihr. Sie kramte nach ihrem Smartphone und fotografierte die Schar Raben, die eifrig in den Erdschollen herumpickten. Dann legte sie das Handy zur Seite.
An diesem Morgen blieb sie etwas länger im Wagen sitzen, da sie noch mit Gott reden wollte. Dazu hatte sie nämlich nach dem Aufstehen keine Ruhe gehabt. Aber jetzt holte sie das nach.
Während sie da saß, fuhr das gelbe Auto von Prosegur auf den Parkplatz direkt vor den Eingang des Supermarktes. Oma sah es lediglich mit dem Augenwinkel, beachtete aber den Geldtransporter nicht weiter. Sie hatte Besseres zu tun: Der Tag lag noch vor ihr und sie wollte mit Gott über ihn sprechen. In Gedanken ging sie durch, was zu erledigen war, und sie bat Gott, ihre Augen und ihr Herz für ihre Umwelt zu öffnen.
Sie seufzte tief auf und lächelte, weil sie jetzt gespannt war, was der Tag wohl so bringen mochte?

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Plötzlich beendete ein unglaublich lauter Knall ihre Gedanken.

Im Rückspiegel sah sie eine Rauchwolke. Dann fielen ein paar Schüsse. Instinktiv rutschte Oma tiefer in den Sitz und machte sich noch kleiner, als sie schon war. Was war hier los? Eine Sprengung? Sie hörte Schreie und schielte erneut in den Rückspiegel. Zwei vermummte Gestalten rannten direkt auf ihr Auto zu. Vor Schreck sank sie noch tiefer in den Sitz. Dabei dachte sie fieberhaft nach. Ihr Handy! Wo war ihr Handy? Um nicht von den Heranstürzenden entdeckt zu werden, riskierte sie keine Bewegung, sondern fühlte nur mit der Hand auf dem Beifahrersitz nach ihrem Smartphone. Da war es! Sie nahm es und öffnete die Kamera.
In diesem Moment liefen rechts und links von ihr die beiden Vermummten vorbei. Sie sprangen über die Bordsteinkante, die den Parkplatz von dem Randstreifen der Straße trennte und rannten zu einem grauen Volvo, der an der Landstraße parkte. Schnell öffneten sie den Kofferraum und warfen ein paar Säcke hinein. Kaum hatten sie die Klappe geschlossen, als der im Fahrzeug wartende Fahrer den Motor startete und mit dem Auto davonschoss. Die Verbrecher selbst liefen über die Straße, zogen dabei ihre Sturmmasken ab und

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sprangen in einen dunkeln BMW. Sie ließen den Motor aufheulen und rasten in die entgegengesetzte Richtung davon. Das alles hatte nur ein paar Sekunden gedauert. Aber Oma war auf Zack gewesen. Unbemerkt hatte sie die beiden Schurken gefilmt.
Als von ihnen nichts mehr zu sehen war, sank sie erschöpft in ihren Sitz zurück. Was für eine Aufregung! Sie zitterte am ganzen Körper und ihr war eiskalt. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen.
Aber da hörte sie schon ein Martinshorn. Eins? Nein, etliche Polizeiautos, Kranken- und Notarztwagen fuhren auf den Parkplatz. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie immer mehr Menschen zu dem demolierten Prosegur-Auto liefen. Bald konnte sie die Neugierigen kaum noch von den Helfenden unterscheiden. Was für ein Durcheinander! Ärgerliche Rufe hallten zu ihr herüber. Polizisten versuchten, Passanten vom Tatort wegzuschieben, um mit einem rot-weißen Band eine Zone abzusperren, die frei für die Rettungssanitäter war. Und über allem blinkten die Blaulichter und verliehen dem Geschehen einen nervösen Touch.

Noch immer saß Oma in ihrem Käfer. Keiner wusste, was sie gefilmt hatte. Ja keiner hatte überhaupt eine Ahnung, dass jemand in dem blauen VW saß.
Sie entschied sich, erst einmal abzuwarten. Anscheinend waren die Polizisten sowieso damit beschäftigt, zunächst den Tatort zu sichern.
Oma schloss die Augen. Plötzlich wurde sie unendlich müde. Das Zittern ließ nach, dafür machte sich in ihrem Kopf eine seltsame Leere breit. Und unversehens war sie eingeschlafen.

Wie lange sie geschlafen hatte,

wusste sie nicht. Sie wurde wach, weil jemand energisch gegen die Scheibe klopfte. Erschrocken fuhr sie hoch und stieß sich prombt den Kopf. Wo war sie eigentlich? Ach ja, der Überfall … Nun war sie wieder klar. Sie musste den Film der Polizei übergeben!
Sie schaute durch das Fenster. Vor ihr standen ein Mann und eine Frau und bedeuteten ihr, dass sie gerne mit ihr reden würden.
Wer war das? Was wollten sie von ihr? Oma blickte verunsichert in den Rückspiegel. Erleichtert sah sie, dass die Polizei noch da war. Dann konnte ihr ja nicht viel passieren. Sie öffnete die Autotür und stieg mit wackeligen Beinen aus.
Die Frau zückte einen Ausweis: „Ich bin Kriminalinspektorin Meissner, und das ist mein Kollege Herr Turau.“ Der Beamte zeigte ebenfalls seine Karte. „Haben Sie irgendetwas von dem Überfall beobachten können?“
„O ja, das habe ich. Einen Augenblick.“ Oma beugte sich in ihr Auto und suchte ihr Smartphone. Wo war es nur geblieben? Sie fand es auf dem Boden, fischte es mühsam hervor und öffnete die Fotogalerie. Dann gab sie es den Polizisten. Die beiden schauten sich den kurzen Film an.
„Das ist recht gut! Die Nummernschilder sind nicht einwandfrei zu erkennen, dafür aber die Männer ohne Sturmhaube.“
„Ja, ist es mir gelungen?“
„Haben Sie sich das Video noch nicht angeschaut?“
„Nein, ich war eingeschlafen …“
Die Beamten schauten sich verunsichert an. „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“
Oma wurde rot. Das war jetzt wirklich peinlich. „Nein, ich war so geschockt und deshalb erschöpft, da bin ich tatsächlich eingenickt. Sie haben mich erst geweckt.“
„Der Schlaf des Gerechten“, witzelte Herr Turau. Seine Kollegin schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. „Ist auch egal. Die Aufnahme ist jedenfalls gut. Können Sie sie mir bitte schicken?“
Das überließ Oma dann allerdings der Beamtin selbst. Diese sandte den Film an ihr eigenes Phone.
Da fiel Oma noch etwas ein. „Warten Sie mal, vielleicht habe ich doch die Nummernschilder genauer aufgenommen.“

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Pixabay

Sie wischte durch die Fotogalerie und klickte das Acker-Foto mit den Raben an. Tatsächlich, da waren die parkenden Autos gut zu sehen. Sie wandte sich an die Beamtin: „Ist das brauchbar?“
Diese betrachtete die Aufnahme. „Das ist sogar ausgezeichnet! Das schicke ich mir auch!“
Kurz danach verabschiedeten sich die Beamten von Oma: „Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen!“

Oma selbst setzte sich noch einmal in ihr Auto, um zur Ruhe zu kommen. Ihr Blick fiel in den Rückspiegel. Hoffentlich ging es den Leuten vom Geldtransporter nicht allzu schlecht …

Schon am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass der Überfall auf den Transporter aufgeklärt war. Drei Männer waren in Untersuchungshaft gekommen und hatten bereits die Tat gestanden.

Ich glaube, das Leben einer Oma kann richtig krass sein. Obwohl Klaras Oma meint, dass sie solche Erlebnisse nicht öfter braucht. Ruhige Fahrwasser seien ihr lieber.

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2 Antworten auf “Oma, eine verdeckte Ermittlerin?”

  1. Wow, ganz ehrlich: Ich war auf der Suche nach anderen Leuten, die kurze Erzählungen schreiben wie ich ( bin ein neuer Blog und such so meine Kontakte), aber auf so eine Geschichte war ich nicht vorbereitet! Ziemlich cool und kreativ: Bei dem Titel „Oma, eine verdeckte Ermittlerin“ habe ich an was harmloseres gedacht haha 🙂 Cooler Schreibstil! Weiter so!

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